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Heilkunde

Zungen- und Pulsdiagnose: Die Weisheit des Körpers entschlüsseln

Pulsdiagnose: Die Weisheit des Körpers entschlüsseln

Zungen- und Pulsdiagnose: Die Weisheit des Körpers entschlüsseln

Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihrem Körper einfach Fragen stellen und er würde Ihnen die Antworten geben. Was würde Sie Ihr Körper über Ihre Gesundheit erzählen? Welche Beschwerden würden sich zeigen, bevor sie zu ernsthaften Krankheiten werden?

Die traditionelle Europäische Medizin (TEM) bietet mit der Zungen- und Pulsdiagnose zwei kraftvolle Werkzeuge, um genau das zu tun. Diese jahrtausendealten Verfahren ermöglichen es, den Zustand des Körpers und der Seele zu erfassen und die Ursachen von Krankheiten zu erkennen.

Begleiten Sie uns auf eine Reise durch die Geschichte der TEM, lernen Sie die Grundlagen der Zungen- und Pulsdiagnose kennen und entdecken Sie, wie Sie diese selbst anwenden können, um Ihre Gesundheit zu verbessern.

Was ist Traditionelle Europäische Medizin?

Viele Europäer kennen neben der konventionellen Medizin weitere traditionelle Medizinsysteme, etwa die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), die Homöopathie sowie Ayurveda, die traditionelle Medizin Indiens. Die seit dem 5. Jh. v. Chr. schriftlich bezeugte Traditionelle Europäische Medizin (TEM) scheint hingegen dem heutigen europäischen Bewusstsein weitgehend entfallen zu sein, denn etliche Patienten, Therapeuten und Ärzte haben, wenn überhaupt, keinen genauen Begriff davon.

Diese Situation ist allerdings inzwischen im Wandel, denn in der Schweiz existiert seit 2015 der Beruf des Naturheilpraktikers mit eidgenössischem Diplom TEN (Traditionelle Europäische Naturheilkunde), mit der Aufgabe die traditionelle, heimische Heilkunde im Gesundheitssystem der Schweiz den Menschen zur Verfügung zu stellen.

Auch in Österreich, Deutschland, Italien, Frankreich, Tschechien etc. sind inzwischen TEM-Aufbrüche zu verzeichnen: Projekte, Vereine, Institutionen, Institute, Akademien, Gesundheitsbetriebe etc. sowie eine wachsende Zahl von Publikationen belegen, dass die TEM einen wirksamen Beitrag zur europäischen Ganzheitsmedizin und Gesundheitssorge leistet.

Grundlagen der TEM

Will man die TEM auf einen knappen Nenner bringen, so könnte man sagen, sie sei eine personalisierende Medizin, die den individuellen Menschen in den Mittelpunkt stellt, ihn aber zugleich auch in einen Gesamthorizont stellt. Die Fundamente dazu haben vor allem antike griechische Medizinschulen gelegt, deren bekannteste die des Hippokrates von Kos (460- 370 v. Chr.) war.

Die von diesen Schulen formulierte ”žHumoralmedizin“ arbeitet mit einfachen und gut beobachtbaren Kriterien. Sie bestimmt mit Hilfe eines Vierer-Systems die physiologischen Funktionen des Menschen, verschiedene Stoffwechseltypen oder konkrete Krankheitssymptome, und integriert diesen ”žMikrokosmos Mensch“ konsequent in den ”žMakrokosmos Natur“ als umfassendes Ganzes, weil der Mensch untrennbar mit der Natur verbunden ist und dieselben Kräfte um ihn auch in ihm wirksam sind.

Angelpunkt des Vierer-Schemas sind die beiden polaren Kräfte Wärme und Feuchtigkeit – Wärme als Prinzip der Energie und Aktivität, Feuchtigkeit als Prinzip der Substanz und Struktur. Je nach Mass von Wärme und Feuchtigkeit ergeben sich vier Elementar-Qualitäten: warm vs. kalt; feucht vs. trocken.

Die TEM ordnet nun diesen Primärqualitäten im Makrokosmos vier Elemente und im Mikrokosmos Mensch vier humores (= Säfte) und Temperament-Typen zu, und integriert schliesslich alle Aspekte zur Gesamtschau: Beim feurigen, warm-trockenen Choleriker dominiert die Gelbgalle; beim luftigen, warm-feuchten Sanguiniker das Blut; beim wässrigen, kalt-feuchten Phlegmatiker der Schleim; beim erdigen, kalt-trockenen Melancholiker die Schwarzgalle. 

Säulen der TEM

Die traditionelle europäische Medizin (TEM) basiert auf mehreren Säulen, die ein ganzheitliches Bild des Menschen und seiner Gesundheit bilden:

1. Humoralpathologie: Die Lehre von den vier Säften (Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle), die im Gleichgewicht sein müssen, um gesund zu bleiben.

2. Viersäftelehre: Die Zuordnung der vier Säfte zu den vier Elementen (Feuer, Wasser, Erde und Luft) und den vier Temperamenten (Choleriker, Phlegmatiker, Melancholiker und Sanguiniker).

3. Konstitutionslehre: Die Einteilung der Menschen in verschiedene Konstitutionstypen (z.B. lymphatisch, nervös, biliös), die unterschiedliche Anfälligkeiten für bestimmte Krankheiten haben.

4. Pflanzenheilkunde: Die Verwendung von Heilpflanzen zur Stärkung der körpereigenen Heilkräfte und zur Linderung von Beschwerden.

5. Naturheilkunde: Die Nutzung natürlicher Heilmittel wie Wasser, Luft, Sonne und Bewegung zur Förderung der Gesundheit.

6. Ordnungstherapie: Die Anwendung von Therapien, die auf die Wiederherstellung der Ordnung im Körper abzielen, z.B. Aderlass, Schröpfen und Moxibustion.

7. Manuelle Therapien: Die Anwendung von manuellen Techniken wie Massage, Chiropraktik und Osteopathie zur Linderung von Schmerzen und zur Verbesserung der Beweglichkeit.

8. Seelische Gesundheit: Die Berücksichtigung der seelischen Gesundheit und des Einflusses von Emotionen auf die körperliche Gesundheit.

9. Spiritualität: Die Anerkennung der Bedeutung von Spiritualität und der Verbindung von Körper, Geist und Seele.

Temperamente zwischen Diagnose und Therapie

Zentral für unser Thema ist die diagnostisch-therapeutische Implikation der gerade umrissenen Vier-Temperamente-Lehre: Die TEM sieht in der individuell passenden Mischung der 4 Säfte (Eukrasie = gelungene Mischung) die Gesundheit eines Menschen begründet; in deren unpassenden Mischung der Säfte hingegen (Dyskrasie = verfehlte Mischung) die Krankheit.

Der TEM-Therapeut wird daher seine Kunst primär darauf ausrichten, mittels geeigneter Diagnostik das Grund-Temperament seines Klienten zu eruieren und die aktuell vorherrschenden Säfte-Mischung zu bestimmen. Weicht diese zu stark vom Grund-Temperament ab oder läuft sie gleichsam aus dem Ruder, so wird der TEM-Therapeut seinem Klienten Möglichkeiten zur Verbesserung der Lebensweise, Ernährung, Bewegung und inneren Grundhaltung aufzeigen.

In einem weiteren Schritt kommen Heilmittel, beispielsweise Zubereitungen aus Heilpflanzen, manuelle Verfahren wie Schröpftherapie und zahlreiche weitere therapeutische Optionen zum Einsatz. Alle diese Massnahmen zielen darauf, dem Klienten einen Weg zu seinem Ursprungstemperament zu bahnen und die Resilienz des Patienten zu stärken. Dazu ist der TEM-Therapeut darauf angewiesen, mittels eines Lesens im ”žSpiegel des Leibes“ Wärme- bzw. Kälte-Zeichen und Feuchtigkeits- bzw. Trockenheitszeichen sowie die Spuren der vier Säfte und Temperamente zu entziffern.

Zwei typische Diagnosemethoden hierzu sind das Zunge- und Puls-Lesen. Weitere TEM-Diagnosemethoden sind die Irisdiagnose, Harnschau oder Antlitzdiagnose.

Die Zungendiagnose

Grundlagen der Zungendiagnose

Die Betrachtung der Zunge zu diagnostischen Zwecken ist Teil aller bekannten traditionellen Medizinsystemen seit der Frühgeschichte des Menschen. In der TCM ist das Zungenlesen rasch zu einem System ausgearbeitet worden und von Ärzten gepflegt worden.

Auch in der TEM ist das Zunge-Lesen seit den Anfängen bezeugt, etwa im Corpus Hippocraticum, der berühmten Textsammlung, die Hippokrates initiiert hatte. Anders als in der TCM ist das Zunge-Lesen in der abendländischen Medizin zwar auch von Ärzten praktiziert worden, aber über die Jahrhunderte Domäne von Hebammen und Laien-TherapeutInnen geblieben. So erklärt sich, weswegen sich die Zungendiagnose im Westen seltener in der medizinischen Fachliteratur findet und überhaupt erst in der frühen Neuzeit systematisiert wurde.

Zungen-Kategorien

Für die Zungendiagnose bittet man den Klienten, die Zunge locker und entspannt herauszustrecken, damit sie optimal gelesen werden kann. Beim Zunge-Lesen werden grundsätzlich 3 Kategorien untersucht und gedeutet:

Zungenkörper: Unter Zungenkörper versteht man die eigentliche Zunge, sozusagen das ”žFleisch“ unter Absehung eines eventuellen Belages. Der gesunde Zungenkörper ist homogen, blassrot, gut konturiert und passt sich harmonisch ins Gesamtbild des Körpers ein.

Schon auf den ersten Blick lassen sich zahlreiche diagnostische Zeichen entdecken: Eine weissliche Farbe ist ein Kältezeichen, eine himbeerrote Zunge hingegen ein eindeutiges Hitzezeichen, während eine bläuliche Zunge auf Stauungsphänomene hinweist.

Auch die Form gewährt Einblick: Beim phlegmatischen Temperament ist die Zunge rundlich, beim melancholischen Temperament eher rechteckig, beim cholerischen Temperament kann sich eine spitze Zunge ausprägen, beim sanguinischen Temperament hingegen eine quadratische Grundform. Massive Normabweichungen des Zungenkörpers zeigen meist anhaltende Gesundheitsstörungen an, die auf jeden Fall therapiert werden müssen.

Unterzungenvenen: Wenn man den Klienten bittet, die Zunge sanft Richtung Gaumen zurückzurollen, werden die Unterzungenvenen sichtbar, die nicht geschwollen und von allzu dunkler Farbe sein sollten, was man sonst als Symptom für eine Blutstauung zu werten hätte.

Zungenbelag: Der gesunde Zungenbelag bedeckt idealerweise gleichmässig die Zungenfläche mit den Zungenrändern, ist dabei leicht weisslich aber so dünn, dass man den Zungenkörper darunter durchschimmern sieht (im Bereich der Zungenwurzel ist er naturgemäss etwas dicker). Der Zungenbelag kann sich bereits innerhalb von ca. 15 Minuten in Dicke, Farbe und Konsistenz verändern und ist damit ein dynamisches Zeichen, das auf akute Erkrankungen und Störungen hinweist.

Diagnostisch relevant ist besonders die Farbe des Belags – von weiss, über cremefarben und gelb, bis zu grau oder schwärzlich. Auch die Dicke und die Konsistenz des Belags lässt sich deuten: dick oder dünn; nass, schleimig, schaumig oder trocken etc.

Funktions- und OrganTopographie

Die TEM ist eine funktionsorientierte Medizin, die zwar Organe kennt, sie aber stets innerhalb von Funktionskreisen deutet. Die Organ-Topologie der Zunge ist leicht nachzuvollziehen, denn sie projiziert die Rumpforgane so auf die Zunge, dass der Brustraum mit der Zungenspitze und der Beckenraum mit der Zungenwurzel zur Deckung kommt.

Es ergeben sich somit drei Funktionsräume, die bezüglich ihrer Hauptfunktion wie folgt bestimmt werden können:

  • Die Eliminationszone an der Zungenwurzel zeigt an, wie es um die Entgiftungs- und Ausscheidungstätigkeit steht.
  • Die Assimilationszone in der Zungenmitte zeigt an, wie es um die Verdauungsfunktion steht.
  • Die Regenerationszone an der Zungenspitze zeigt an, wie es um die Erholungsfähigkeit steht, gleichsam der Fähigkeit die eigenen ”žBatterien“ aufzuladen.

Gemäss dem Prinzip der Psychosomatik gilt, dass sich sowohl körperliche wie psychische Elimination, Assimilation und Regeneration auf der Zunge abbilden, also eine      Magenschleimhautentzündung genauso wie eine unverdaute Kränkung in der Assimilationszone sichtbar werden kann. Die 3 Kompartimente lassen sich schliesslich organologisch weiter aufschlüsseln:

Zungenmanifestationen als diagnostische Zeichen

Neben diesen Grundzeichen lassen sich noch weitere Zeichen deuten: Verquellungen und Schwellungen in diversen Zungensegmenten, Rötungen und Lividitäten, feinste Risse und tiefe Wadi-Täler etc. Diese vertiefte Kunst des Zunge-Lesens liegt freilich ganz auf den Grundlinien, die gerade entwickelt wurden.

Nach einigen abschliessenden Beispielen und Schemata zur Veranschaulichung ist nun die Pulsdiagnose in Augenschein zu nehmen.

Bei dieser Zunge fällt das Fehlen des Belages (Leere) in der Regenerationszone und der verdickte weisse Belag (Fülle, Kälte) in der Assimilations- und Eliminationszone auf. Der Zungenkörper ist geschwollen (Feuchtigkeit) und fällt vor allem links aus der Kontur (Milzschwäche) und ist mehrheitlich blass (Kälte) mit vielen roten Pünktchen (Hitze) in der Regenerationszone.

Es besteht eine Schleimdominanz durch Kälte innerhalb der Verdauungsfunktion die zu Schwäche der Entgiftungsfunktion führt mit Anstieg von hitzigen Ausscheidungsstoffen die nach oben steigen und die Regenerationsfunktion stören.

Therapeutisches TEM-Konzept

  • Magen-, Leber-, Milzfunktion stärken (wärmen und öffnen)
  • überschüssigen Schleim umwandeln
  • gelbgallige Schärfen ausleiten
  • Herz- und Lungen stärken

Zungenbelag fehlend in der Herzzone (Feuchtigkeitsmangel) und linker Zungenrand (Milzzone) sowie in der Eliminationszone rechts (re. Niere). Zungenbelag weiss (Kälte) und verdickt (Fülle im Assimilationsbereich). Zungenspitze purpurrot (Blutstau mit Hitze) und dünn (Leere), ausgeprägte, abgedunkelte Furche auf der Medianlinie (Substanzmangel), blasser (Kälte) linker hinterer Zungenrand (Milzzone). Seitliche Zungenränder leicht geschwollen, Zungenspitze dünn.

Es besteht ein allgemeiner Schwächezustand der die Regenerations-, Assimilations- und Eliminationsfunktionen schwächt mit daraus resultierenden Säftestau und Blutmangel.

Therapeutisches TEM-Konzept:

  • Nährsäfte fördern
  • Verdauungstrakt stärken
  • Schleim umwandeln
  • Säftefluss fördern
  • Herz und Lungen nähren
  • Milz wärmen

Die Pulsdiagnose

Grundlagen

Ein weiteres wichtiges diagnostisches Werkzeug der TEM stellt die Pulsdiagnose dar, die wiederum in allen vormodernen Medizinsystemen vorkommt und in der TEM eine ganz eigene, typisch europäische Ausprägung gefunden hat.

Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. haben griechische Ärzte den Puls an Hand, Schläfen, Hals, Lenden und Knie eindringlich untersucht. Der persische Arzt Avicenna (11. Jahrhundert) und die Schule von Salerno haben im Mittelalter dem Puls-Lesen an der Hand die klassische Form gegeben, die sich im Wesentlichen im Westen bis ins 19. Jahrhundert gehalten hat.

Zunächst einige Rahmendaten – zum Ziel, zur Reichweite und zum Ablauf der Pulsdiagnose: Anders als die heutige Schulmedizin, die auf das Herz-Kreislauf-System fokussiert, untersucht die traditionelle Pulsdiagnose den Zustand der Vitalenergie, die energetische Gesamtverfassung des Körpers und der jeweiligen Organfunktionskreise, sowie die chronomedizinische Rhythmik.

Die Technik des TEM-Pulsens ist einfach wie wirkungsvoll: Pulsende(r) und Gepulste(r) sitzen vis-a-vis voreinander. Die zu pulsende Hand ruht auf einem Pulskissen, die pulsende Hand liegt mit drei Fingern locker auf der Radialartiere: Zeigefinger nahe an den Handfläche, Mittelfinger daneben in der Pulsmitte und Ringfinger daran anschliessend. Wichtig ist, dass die Finger weder aneinandergepresst werden, noch zu viel Abstand haben.

  • Es ist üblich, nacheinander oder gleichzeitig beide Hände zu pulsen, um ein umfassendes Bild zu gewinnen.
  • Für eine besonders aussagekräftige Pulsdiagnose ist es ideal, wenn sie am frühen Morgen erfolgt, noch bevor diverse Tagesaktivitäten den Puls überformt haben.
  • Die Pulsdiagnose geschieht im Schweigen, durch achtsames Lauschen von einer bis zu mehreren Minuten.

Dieses Pulslesen ist gewiss eine feinsinnige Technik, die Erfahrung braucht; dennoch gibt es keinen Grund, sie zu mystifizieren, ist sie doch eine Kunst, die im pädagogischen Dreischritt gut erlernbar ist – von den Baderpulsen über die analytischen Pulse bis zu den Metaphern- und Organpulsen.

Baderpulse

Die Bader und Baderinnen des Mittelalters haben eine vereinfachte Pulsdiagnose gepflegt, mittels derer sie sich eine schnelle Übersicht über die aktuelle Temperamentsituation ihres Klienten verschafften und beispielsweise das richtige Massageöl im Rahmen des mittelalterlichen Badstubenprogramms wählten. Diese Pulsdiagnose sei hier in ihren Grundzügen erklärt:

  • Der munter spielerisch hüpfende Delphin, steht für warm-feucht und damit für den sanguinischen Zustand. Er klingt wie ein fröhlichzügiges duck-duck
  • Der energische, gespannte Leopard, steht für heiss-trocken und damit für den cholerischen Zustand. Er klingt wie ein fokussiertes zack-zack
  • Die elegant schlängelnde, zischelnde Schlange, steht für kalt trocken und damit für den melancholischen Zustand. Sie kling wie ein ffffft, ffffft
  • Der behäbige und gleitende Schwan steht für kalt-feucht und damit für den phlegmatischen Zustand. Er klingt wie ein langsames und schweres duuffff, du-uffff

Diese Baderpulse sind zugegebener Weise etwas vage; sie stellen dennoch eine gute Vorschule         dar, um in die Kunst des Puls-Lesens organisch hineinzuwachsen.

3-D-Puls und weitere analystische Pulse

Wer über die Baderpulse hinauswachsen möchte, sollte sich dem ersten Puls-Ternar (von insgesamt zehn analytischen Pulsgrössen) widmen, den wir bildhaft als 3-D-Puls bezeichnen könnten, mit den drei Grunddimensionen Länge, Breite und Höhe. Um diese Daten auslesen zu können, nutzt man die drei Fingerkuppen nicht als ”žEinzelsensoren“, sondern imaginiert die Finger als eine einzige Teststrecke, die einen Gesamteindruck liefert:

Lang vs. kurz: Langer Puls meint, dass das Pulsgeschehen über die ganze Dreifinger-Teststrecke hinweg zu spüren ist; kurzer Puls hingegen, dass nur in einem Teilbereich der Dreifinger-Teststrecke Pulswellen wahrgenommen werden können. Die Auswertung dieses Pulsdatums liegt auf der Hand: Ein langer Puls zeigt an, dass viel Vitalkraft zur Verfügung steht, die in allen Organfunktionskreisen zirkuliert, und damit ein Wärmezeichen vorliegt, während ein kurzer Puls anzeigt, dass die begrenzte Energie sparsam eingesetzt wird, nicht alle Funktionskreise im gleichen Masse bespielt werden können, als Kältezeichen.

Breit vs. eng: Breiter Puls steht für ein pulsendes Gefäss, dass sich gleichsam wie eine Cellosaite anfühlt, während der enge Puls einer Zithersaite gleicht. Auch hier ist die Deutung naheliegend: Der breite Puls steht für Feuchtigkeit, Phlegma und Saft, wohingegen der enge Puls ein Trockenheitszeichen und ein Symptom für Saftmangel darstellt.

Hoch vs. tief: Um diese Pulse zu unterscheiden, imaginiert man sich drei Stockwerke: das obere direkt unter der Haut, darunter das Mittelgeschoss und das Parterre oder Untergeschoss nahe an der knöchernen Struktur. Auch hier ist die Deutung leicht nachzuvollziehen: Der hohe Puls zeigt an, dass operative Energie des Körpers gleichsam extrovertiert nach aussen gelenkt wird; der tiefe Puls hingegen, dass die Energie introvertiert in der Tiefe verweilt. Bricht beim ”žGang in die Tiefe“ der pulsenden Finger der Unterbau des Pulses weg ”žist er also unterdrückbar“, so ist das ein Zeichen, dass die Tiefenreserven erschöpft sind.

In der ärztlichen Ausbildung des Mittelalters, aber auch im Curriculum von Therapeuten wie Badern und Wundärzten war es üblich, nach einer gewissen Sicherheit mit dem 3-D-Puls sukzessive sechs weitere Pulse in die diagnostische Praxis zu integrieren:

Stark vs. schwach: Der starke Puls hat eine grosse Schlagkraft und ist ”žpaukenartig“; er ist Zeichen für Kraft und Energie. Der schwache Puls hat eine schwache Schlagkraft und ist damit quasi eine ”žkleine Trommel“; er ist Zeichen für Schwäche und Hemmung.

Voll vs. leer: Der volle Puls lässt gleichsam eine füllige Menge von Blut passieren und ist da-mit ein Zeichen von Substanz- und Blutfülle. Der leere Puls lässt beim Pulsschlag wenig Blut passieren und fühlt sich hohl an. Dieser Puls ist ein Zeichen von Energie-, Blut- und Substanzmangel.

Hart vs. weich: Beim harten Puls fühlt sich das pulsende Gefäss hart und gespannt an, als Zeichen von erhöhtem Tonus, Übersäuerung oder Schmerz. Beim weichen Puls fühlt sich das Gefäss hingegen weich und schlaff an, als Zeichen von Tonusmangel, Erschlaffung, Leere und Energiemangel.

Warm vs. kalt: Beim warmen Puls ist die ganze Pulsregion gut durchblutet, warm und strahlt Energie ab, als Zeichen für einen guten Metabolismus und Zirkulation. Der kalte Puls mit kühler, ziehender Pulsregion steht für Kälte, Energiemangel und Zirkulationsschwäche.

Häufig vs. selten: Der häufige Puls schlägt, während der Diagnostiker einmal aus und einatmet, öfter als vier Schläge, meist fünfmal, und ist ein Zeichen für ein hohes Mass an operativer Energie und Umsatz. Der seltene Puls schlägt, während die Diagnostikerin einmal aus und einatmet, weniger als vier Schläge, meist dreimal, und zeigt einen Mangel an operativer Energie an.

Meisterklasse

In der Kunst des Pulslesens werden dann vier weitere der insgesamt 10 Pulskategorien erlernt, danach bildhafte Pulse (Gazellenpuls, Ameisenpuls, Mäuseschwanz-    puls, Wachtelschlag, Nachtigallenschlag). Schliesslich kennt die TEM, wenngleich nicht in dem Masse der TCM und in einer anderen Zuordnung, eine Organ-Topologie: Auf der rechten Seite distal Lunge und Haut, medial Leber und Gallenblase, proximal Nieren und Dickdarm; auf der linken Seite distal Psyche und Herz, medial Milz und Magen, proximal Nieren und Dünndarm/Blase.

Fazit zu Zungen- und Pulsdiagnose

Die gerade vorgestellten TEM-Diagnoseformen öffnen die Türe zu spezifischen TEM-Therapien. Denn wo man einfach symptomorientiert mit Heilpflanzen arbeitet oder massiert, da wird nicht zwangsläufig schon gemäss der authentischen TEM gearbeitet.

Wenn aber Therapien durch Puls- und Zungendiagnose, wie oben gezeigt, personalisiert werden, dann befinden wir uns im Herzen der TEM: dem richtigen Patienten die richtige Pflanze bzw. punktgenaue Treatment-Sequenz.

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