Heilkunde

Tierversuche: Gesetzgebung, Geschichte, Ethik

Tierversuche: Gesetzgebung, Geschichte, Ethik. Eine kritische Betrachtung.

Tierversuche: Gesetzgebung, Geschichte, Ethik – eine kritische Betrachtung

Seit wann gibt es Tierversuche? Sind tierische und menschliche Reaktionen auf ein und dasselbe Medikament tatsächlich vergleichbar? Woher kommt der Gedanke, dass sich diese Reaktionen von Tier auf Mensch eins zu eins übertragen lassen?

Tierversuche sind wissenschaftliche Experimente an oder mit lebenden Tieren. Sie dienen dem Zweck der Entwicklung und Erprobung neuer medizinischer Therapiemöglichkeiten. Das klingt einigermassen harmlos und da wir nicht täglich an einem Käfig voller Versuchstiere vorbeilaufen, haben wir auch «nichts damit zu tun».

Spätestens dann, wenn wir Zahnpasta oder Medikamente benutzen, «haben wir aber etwas damit zu tun». Auch wenn wir die Tiere nicht sehen. Denn für Medikamente, Chemikalien und Pestizide sind in vielen Fällen Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben.

Gesetzliche Regulierung der Tierversuche in der EU

Seit 1986 besteht in der EU die Richtlinie 86/609/EWG, sie wurde 2010 durch die Richtlinie 2010/63/EU abgelöst. Die Richtlinie regelt den Schutz der für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere.

Seit 2013 sind Tierversuche für Kosmetika in der EU verboten, ebenfalls der Import aus Drittstaaten (z.B. der Schweiz). Statt Tierversuche werden Tests mit Zellkulturen, künstlicher Haut oder Computersimulation durchgeführt. Durch das Verbot können nicht mehr alle Kosmetika zugelassen werden.

Für Medikamente gilt dies nicht. Die Pharmaindustrie der EU allein benötigt ca. 10 Millionen Versuchstiere pro Jahr.

Das Verbot der Tierversuche für Kosmetika hat zahlreiche Schlupflöcher. Beispielsweise ist ein Produkt legal, wenn es aus der Medikamentenforschung als ein kosmetisches Nebenprodukt kreiert wird. Weiter gilt die Richtlinie nur für die zehn Prozent Rohstoffe, die ausschliesslich für kosmetische Produkte eingesetzt werden.

Die anderen 90 Prozent werden ausserdem in der Medizin und anderen Bereichen eingesetzt. Da diese Stoffe in der EU-Chemikalienverordnung (REACH) geregelt werden, können hier Tierversuche in grossem Umfang ausgeführt werden und sind beispielsweise in der Medikamentenforschung, auch vorgeschrieben. Bisherige Erkenntnisse und Produkte aus Tierversuchen sind ebenfalls weiterhin erlaubt.

Regelungen und Trends bei Tierversuchen in der Schweiz

In der Schweiz dürfen Tierversuche dann durchgeführt werden, wenn es keine Alternativen gibt. Seit Februar letzten Jahres steht das Forschungsprogramm «Advancing 3R – Tiere, Forschung und Gesellschaft».

Die 3R steht für Reduce (Reduktion der Anzahl Tiere), Replace (Alternative Methode) und Refine (Verbesserung der Belastung der Tiere). Jeder Tierversuch muss bewilligt werden, dabei soll eine Güterabwägung sicherstellen, dass der erwartete Erkenntnisgewinn die Belastung des Tieres rechtfertigt.

Des weiteren besteht eine Meldepflicht der Anzahl Versuchstiere und abgeschlossener Versuche. Menschen, die Tierversuche ausführen oder die Tiere betreuen, müssen eine spezifische Ausbildung absolvieren. Die Anzahl Tierversuche sind seit 2015 um 18 Prozent zurückgegangen. Der Anteil mit Tieren, die einer schweren Belastung ausgesetzt waren, ist dabei aber um 3,5 Prozent gestiegen.

Historischer Hintergrund

Tierversuche sind keine Neuerscheinung. Die ersten Überlieferungen stammen aus dem fünften Jahrhundert vor Christus, aus dem antiken Griechenland. Um 1500 sezierte der Anatom und Chirurg Andreas Vesalius, Leichen und Kadaver von Mensch und Tier zwecks anatomischer Forschung.

Ein Jahrhundert später, sezierte der Wissenschaftler René Descartes lebende Tiere, um die Blutzirkulation zu betrachten. Er vertrat die Meinung, dass Tiere keinen Schmerz empfinden. Im 19. Jahrhundert lehrte der «Meister des Tierversuchs» Georg Meissner, ein Anatom und Physiologe, den behutsamen Umgang mit Versuchstieren.

Weiter ging es mit dem NS-Regime, für die der Tierschutz ein nützliches Werkzeug war. Pelzhändler, Mediziner und Biologen waren vielfach jüdischer Herkunft. Trotz KZ-Haft für Tierexperimentatoren, waren Tierversuche nicht komplett verboten. Es gab Ausnahmen für «kriegswichtige» oder die «Volksgesundheit» betreffende Versuche.

Ethik und Kontroversen um Tierversuche

Der österreichische Autor Helmut F. Kaplan meint dazu: «Deshalb ist auch die faktische Frage, ob Tierversuche für den Menschen nützlich sind, moralisch irrelevant: Tierversuche sind falsch, unabhängig davon, ob sie für den Menschen nützlich sind. Die legitime Frage ist nicht: Wieviel Gesundheit können wir maximal erzeugen? Sondern: Wieviel Gesundheit können wir auf ethisch zulässige Weise erzeugen? Die ”žechte oder vermeintliche“ Nützlichkeit von Tierversuchen ist kein ethisches Argument: Es gibt viele Dinge, die nützlich wären, aber dennoch unmoralisch und verboten sind, zum Beispiel Menschenversuche.»

Die Frage ist berechtigt. Er plädiert offen für Vegetarismus und gegen Fleischessen. Wobei man bedenken sollte, dass auch Tiere einander fressen. Die Medaille hat immer zwei Seiten.

Tierversuche und ihre Relevanz für den Menschen

Menschen und Tiere reagieren verschieden auf verschiedene Wirkstoffe. Zum Beispiel ist Aspirin für den Menschen ein Schmerzmittel, für die Katze bedeutet es den Tod. Hunde, Affen, Mäuse und Ratten bekommen durch diese Substanz missgebildete Nachkommen.

Im Rahmen der Ursachenforschung von «Arterienverkalkung» (Arteriosklerose) im Jahre 1907, hat der russische Wissenschaftler Alexander Ignatowski erhebliche Mengen an Vollmilch, Eier und Fleisch an Kaninchen verfüttert. Dadurch bildeten sich artheriosklerotische Ablagerungen in der Hauptschlagader, Nierenentzündung, Leberzirrhose und Anämie.

Da diese Ernährung nicht der Natur eines Kaninchens entspricht, kann man die Ergebnisse wohl kaum direkt auf den Menschen übertragen. Durch diese Studie kam man aber zum Schluss, dass Cholesterin zu Artheriosklerose führt. Dem Menschen wurde abgeraten, zu viele Eier zu essen, weil sie Cholesterin enthalten.

Wenn der Körper aber weniger Cholesterin zugeführt bekommt, stellt er es kurzerhand selbst her. Daher kann der Cholesterinspiegel nur künstlich mittels Medikamenten gesenkt werden. Cholesterin ist jedoch lebenswichtig. Das regt zum Nachdenken an.

Quellen:

  • https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/IP_13_210
  • https://www.tierschutzbund.de/information/hintergrund/tierversuche/kosmetik/
  • https://www.srf.ch/news/schweiz/klares-nein-bundesrat-tierversuchsinitiative-schadet-der-schweiz
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Tierversuch 
  • https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:31986L0609
  • https://www.interpharma.ch/blog/warum-tierversuche-notwendig-sind/
  • https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3709240/

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