Von Barbara Simonsohn
Haben Sie schon einmal vom Steinklee gehört als Heil- und Arzneipflanze? Wenn nicht, sind Sie in guter Gesellschaft selbst bei Kräuterkundigen. Die Pflanze wächst zwar fast überall auf mageren Böden wie Schutthalden oder Bahndämmen und ist mit bis zu eineinhalb Metern nicht gerade klein, sie ist aber doch eine eher unscheinbare Pflanze und recht unbekannt.
Von Hippokrates bis Hildegard: Die Geschichte des Steinklees
Der Echte Steinklee oder Meliotus officinalis trägt diesen lateinischen Namen, weil die ganze Pflanze intensiv nach Honig – lateinisch „mel“ – duften, und „officinalis“ bedeutet, dass das Heilkraut eine anerkannte Heilpflanze ist und daher in Apotheken als wirksame Droge erhältlich ist. Volkstümliche Namen sind auch Ackerhonigklee, Honigklee, Bärenklee, Goldklee, Königskrone oder Schotenklee. Im Englischen heisst der Echte Steinklee „King´s clover“ oder „Yellow sweet clover“, also Königsklee oder Gelber Süssklee.
Steinklee ist seit mehreren tausend Jahren als Heilpflanze bekannt. Im alten Griechenland waren Steinkleepflaster in Gebrauch, um hartnäckige Geschwüre und knotige Hautveränderungen zu erweichen. Hippokrates und seine Schüler berichten darüber. Auch Dioskurides und Plinius benutzten ihn wegen seiner zusammenziehenden Wirkung bei Geschwülsten besonders der Augen, des Afters und der Geschlechtsorgane.
Für die Kelten galt Steinklee als heilige Zauberpflanze und ein unverzichtetes Kraut im Zauberkessel der Druiden. Die Menschen im Mittelalter betrachteten den echten Steinklee als hexenvertreibende und dämonenabwehrende Pflanze. Als einer der ersten Deutschen beschrieb sie Peter Simon Pallas, der von 1741 bis 1811 lebte und ein deutscher Naturforscher war.
Volksmedizinisch wurde Steinklee bereits im Mittelalter als beruhigendes, schmerzstillendes, harn- und schweisstreibendes Mittel sowie als Mittel zu einer gesunden Wundheilung eingesetzt. Hildegard von Bingen empfahl Steinkleeblüten, warm in die Ohren geträufelt, als Mittel gegen Ohrenschmerzen, und mit Essig und Rosenöl vermengt, als Mittel gegen Kopfweh.
In die Schuhe gelegt, sollte das getrocknete Kraut Reisende schützen. Kleider, in die Klee eingenäht wurde, sollten dem Träger eine sympathische Ausstrahlung verleihen. Steinklee gehörte zu den Freya-, und nach der Christianisierung zu den Marienpflanzen und zu den „Bettstrohkräutern“, in denen Mütter ihre Kinder zur Welt brachten.
Steinklee-Pflanzen haben einen leicht blutverdünnenden Effekt, der im Zusammenspiel weiterer Inhaltsstoffe eine positive Wirkung auf Gefässwände hat und daher bei Venenerkrankungen eingesetzt wird. Cumarine wirken blutverdünnend, durchblutungsfördernd, entzündungshemmend, sie stärken die Elastizität der Blutgefässe, reduzieren ihre Kapillarbrüchigkeit, verhindern Flüssigkeitsaustritte ins Gewebe, lindern Schwellungen, regen die Lymphtätigkeit an und fördern die Wundheilung.
In der Volksmedizin wird die Pflanze heutzutage vor allem als venenstärkendes und harntreibendes Mittel verwendet.
Der hohe ökologische Wert von Steinklee
Der echte Steinklee gehört zu den Schmetterlingsblütlern und ist in Europa und Asien bis nach Westchina weit verbreitet. Er steigt in den Alpen bis in Höhenlagen von 2000 Metern. Steinklee liebt sonnigen und mageren sowie kalkhaltigen Boden, der auch steinig sein darf, zum Beispiel an Ackerrändern.
Es handelt sich um eine ein- bis zweijährige Pflanze mit einer kräftigen und tief reichenden Pfahlwurzel, die straff aufrecht wächst und sich schon an der Basis verzweigt. Die Durchwurzelungstiefe kann bis zu 2,50 Metern betragen. Die Pflanze fällt leicht auseinander, es sei denn, Steinklee steht eng genug beieinander, so dass die Pflanzen sich gegenseitig stützen. Die Wurzelknöllchen sammeln Stickstoff, so dass die Pflanze die Fruchtbarkeit von Böden erhöht. Die Blätter sind dreigeteilt und schmal sowie am Rande gekerbt. Die Fiederblätter haben Blattgelenke und legen sich nachts zusammen. Man nennt dies Nyktinastie.
Die Blütezeit reicht von Mai bis in den September hinein oder noch länger, wenn die Wiese zwischendurch gemäht wurde. Bei warmer Witterung duftet die Pflanze intensiv nach Heu aufgrund des Cumarins in der Pflanze. Wir kennen das auch vom Waldmeister. Der Duft ist süss-aromatisch und vanilleartig.
Die Pflanze hat einen hohen ökologischen Wert. Der intensive Duft lockt zahlreiche Insekten besonders in den frühen Abendstunden an. Wegen der nur 2 Millimeter langen Kornröhre ist der Nektar auch kurzrüsseligen Insekten zugänglich. Bestäuber sind Bienen, Wildbienen und Schwebfliegen. 19 Wildbienenarten sind auf den Pollen spezialisiert, 10 Raupen auf die Blätter des Steinklees, 28 Wildbienen insgesamt auf Nektar oder Pollen und eine Käferart.
Die kleinen gelben Schmetterlingsblüten hängen an lang gezogenen Trauben. Die Fruchtreife ist im August und September. Es handelt sich um einsamige Hülsen, in den vielen kleinen Schötchen ist nur jeweils ein Samen enthalten. Die Vermehrung erfolgt durch Aussaat oder Selbstaussaat. Herbstsämlinge überwintern grün in milden Wintern, und treiben in harten Wintern im Frühjahr aus der Wurzel aus. Die Pflanze ist bis minus dreissig Grad frostresistent. Beim Sammeln sollte man darauf achten, dass die Blätter nicht weiss bemehlt sind, das deutet auf Pilzbefall hin.
Wertvolle Inhaltsstoffe
An Inhaltsstoffen sind vor allem Cumarin, Melilotsäure, Gerbstoffe, Schleimstoffe, Flavonoide und Kalzium zu nennen. Zu den wichtigsten wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffen zählen mit einem Anteil von etwa 0,3 Prozent Cumarinderivate, die in Form von Glykosiden wie zum Beispiel Melilotosid und Melilotin vorliegen.
Ferner kommen flüchtiges Cumarin, Flavonoide und Saponine vom Typ des Melilotigenins und Soyasaogenols vor. An bioaktiven Substanzen sind vor allem Kämpferolderivate wie Robinin, Triterpensaponine vom Oleanantyp und Polysaccharide mit immunstimulierender Wirkung zu nennen.
Steinklee zur Wundheilung, Entzündungshemmung, Lymphstau-Reduktion und mehr
Pflücken und trocknen Sie die oberen Sprossteile mit Blüten. In einem Kräuterkissen fördern sie einen gesunden Schlaf. 27 Millionen Bundesdeutsche leiden an chronischen Venenerkrankungen, darunter sind fast die Hälfte Männer.
Als Tee aufgebrüht hilft Steinklee bei schweren und müden Beinen und Venenerkrankungen und nächtlichen Wadenkrämpfen, und bei Wassereinlagerungen im Gewebe bzw. Ödemen, bei leichten Schlafstörungen und bei Magen-Darmstörungen. Die Durchlässigkeit der Gefässe wird durch Steinklee vermindert und die Flussrate im Venen- und Lymphsystem gesteigert. Die Heilpflanze wirkt tonisierend auf die Venenwände. Steinklee hilft unterstützend bei Krampfadern und dem postthrombotischen Syndrom, was die Folgen eines dauerhaften Schadens am tiefen Venensystem des Armes oder des Beines nach einer tiefen Venenthrombose beschreibt. Unbehandelte Venenprobleme sind ein Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, so das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung DZHK.
Das Kraut hilft auch unterstützend bei der Therapie von akuten Hämorrhoidenanfällen und Lymphstauungen. Der Tee wirkt darüber hinaus blutverdünnend, schleimlösend und harntreibend.
In Tierversuchen wurden eine bessere Wundheilung und entzündungshemmende Effekte nachgewiesen. Als Auflage hilft Steinklee äusserlich bei Hautentzündungen, oberflächlichen Blutergüssen, Prellungen, Verstauchungen und Geschwüren.
Getrocknete Blüten sind vermahlen ein schmackhaftes Gewürz. Als Aroma kann man Blüten und junge Triebe an Gemüsegerichten, zu Milchspeisen-Desserts, zu Weinen, Limonaden und Bowlen geben oder frisch in Salatsaucen. Frisch mitgekocht würzt Steinklee Marmeladen oder Kompotte und würzt Bratgerichte. Pulverisiert ergeben getrocknete Blüten und Blätter eine Art Mehl, das vermischt mit Getreidemehl zum Backen verwendet werden kann. Auch getrocknete Wurzeln lassen sich in kleinen Mengen als Gewürz einsetzen, ebenfalls die Samen zum Beispiel bei der Herstellung von Käse oder in Hackkräutermischungen auch für veganes Hack. Die Samenkapseln in Frischkäse ergeben einen ungewöhnlichen Brotaufstrich.
In der Homöopathie werden die oberirdischen Teile ohne den verholzten Stängel gesammelt und bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems, Gerinnungsstörungen, Krampfadern, Neigung zu Nasenbluten, Folgen von Sonnenstich, Migräne und Kopfschmerzen verwendet. Auch als Anti-Motten-Mittel hat sich echter Steinklee bewährt.
Für eine Steinkleetinktur nimmt man eine Handvoll etwas zerkleinertem Steinklee, übergiesst ihn mit Kornschnaps, so dass das Pflanzengemenge gut mit Alkohol bedeckt ist. Man lässt zehn Tage stehen und filtert dann ab und nimmt die Tinktur tropfenweise ein für besseren Schlaf, bei Venenproblemen und Magenbeschwerden.
Synergien von Steinklee, Mäusedorn und Mädesüss
Steinklee-Produkte gibt es in der Apotheke. Als Flüssig- oder Trockenextrakt spielen sie vor allem eine Rolle in der Gruppe der Venen- und Hämorrhoidentherapeutika, innerlich anzuwenden oder zur rektalen Anwendung auch als Salbe und Zäpfchen.
Die mittlere Tagesdosis von drei bis 30 Milligramm Cumarin sollte eingehalten werden. Dass Steinklee in hohen Dosen und Langzeitgebrauch Leberveränderungen verursachen kann, hat sich nicht bestätigt, weil die in den Pflanzen vorhandenen Cumarinmengen „viel zu gering sind, um selbst bei längerer Anwendung schaden zu können.“.
Als besonders wirksames, ursächlich ansetzendes Mittel zur Behandlung und Vorbeugung chronischer Venenleiden – einschliesslich Hämorrhoiden – hat sich die Kombination aus echtem Steinklee, stechendem Mäusedorn und Mädesüss bewährt. Diese Heilpflanzen wirken synergetisch zusammen, fördern die Durchblutung, stärken die Venen und lindern Beschwerden nachweislich, wie verschiedene Anwendungsbeobachtungen zeigen.
Vom Sammeln bis zur Tasse: Ernte, Trocknung und Anwendung von Steinklee
Tee gibt es zurzeit nicht im Handel, man sammelt also Kraut und Blüten selbst. Man übergiesst einen bis zwei Teelöffel fein geschnittenem Kraut mit Blüten mit einem viertel Liter kochendem Wasser und lässt dies zehn Minuten bedeckt ziehen. Bei getrocknetem Kraut nimmt man die Hälfte der angegebenen Menge. Bei Erkrankungen des venösen Systems trinkt man zwei bis drei Tassen täglich.
Bei Hämorrhoiden und Geschwüren kann ein Breiumschlag hergestellt werden. Dazu durchfeuchtet man mit der gleichen Menge heissem Wasser das Kraut, bindet dies in ein Mullsäckchen ein und legt ihn auf.
Ein bekömmlicher Schlaftee enthält man, wenn man getrocknete Steinklee-, Weissdorn- und Lavendelblüten zusammen mit einigen Blättern Zitronenmelisse mischt, das Ganze mit heissem Wasser überbrüht und etwa zehn Minuten ziehen lässt.
In der Homöopathie wird Meliotus D4 bis D6 in der Dosierung von 10 Tropfen mehrmals täglich bei Kopfschmerzen und Migräne auch für Kinder
Der gelbe Steinklee ist ein wahrer Schatz der Natur. Er wird seit alters her geschätzt für die Venengesundheit und einen guten Lymphfluss und steckt voller Antioxidantien. Der echte Steinklee ist ein Bestandteil der Kräutermedizin, dient aber auch als Bienen- und Insektenweide und zur Bodenverbesserung. Steinklee ist ein Nektar- und Pollenspender von besonderem Wert. Venenleiden sind im Kommen und echter Steinklee unterstützt uns dabei, auch vorbeugend, unsere Gefässe überall im Körper gesund zu erhalten. Darüber hinaus hilft er bei Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und fördert einen gesunden und tiefen Schlaf.
Literatur
W. Blaschek, „Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen“, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2014
European Medicines Agency EMA, „European Union herbal monograph on Melilotus officinalis (L.) Lam.”, https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/meliloti-herba.
Siegrid Hirsch und Felix Grünberger, “Die Kräuter in meinem Garten”, Freya, 25. Auflage 2022
Eva-Maria Dreyer, „Essbare Wildpflanzen Europas“, Nikol, 6. Auflage 2023
Max Wichtl, „Teedrogen und Phytopharmaka. Handbuch für die Praxis als wissenschaftliche Grundlage“, Wissenschaftliche Verlagsanstalt Stuttgart 2009
Barbara Simonsohn (Jahrgang 1954) studierte Sozialwissenschaften und schloss ihr Studium als Politologin ab. Zehn Jahre hintereinander war sie in der Findhorn-Gemeinschaft in Schottland, wo sie nicht nur im Garten mitarbeitete, sondern auch einige ganzheitliche Heilmethoden lernte.
Sie ist Ernährungsberaterin, Expertin für “Super-Foods”, Reiki-Ausbilderin und Autorin zahlreicher Bücher.