Echtes Mädesüss – die natürliche Alternative bei Schmerzen
Von Barbara Simonsohn
Vielleicht ist Ihnen im Sommer eine hoch gewachsene cremeweiss blühende Wiesenpflanze aufgefallen. Eine echte Schönheit, welche alle Wiesenpflanzen überragt.
Bei den Kelten galt Mädesüss neben Eisenkraut und Wasserminze als eine der drei heiligsten Pflanzen. Die Druiden, die Schamanen der Kelten, verehrten die Pflanze und nutzten sie zur Heilung.
Neben ihrer Anwendung als Heilpflanze war das Mädesüss schon bei den Germanen und Kelten aufgrund ihres süss-herben Duftes ein beliebtes Streukraut. Man bestreute morgen den Holzfußboden mit dem Kraut und kehrte die Blätter und Stängel wieder aus, wenn sie abends vertrocknet waren und ihren Duft nicht mehr verströmten. Damit reinigte man Räume und schützte sie vor schlechten Energien (vgl. Hagers Handbuch der Drogen und Arzneistoffe“, Springer-Verlag, Heidelberg 2013).
Mädesüss: Von der „Metsüsse“ zur Wiesenkönigin – eine Heilpflanze mit Geschichte
Das Echte Mädesüss oder Filipendula ulmaria L. wurde bei den Germanen zum Aromatisieren von Met verwendet, daher kommt wahrscheinlich sein Name, der sich von „Metsüsse“ abgeleitet haben kann. Die Pflanze brachte als Zusatz Süsse in Bier und Wein.
Im Englischen heißt Mädesüss daher „meadowsweet“. Auf Altdeutsch heisst „Mede“ aber auch „Grasland“. Vielleicht kommt der Name also auch hiervon. Mädesüss wächst nämlich gern auf Wiesen, wenn diese feucht genug sind.
Im Deutschen wird die Heilpflanze daher auch „Wiesenkönigin“ genannt. Weitere Bezeichnungen im Deutschen sind Bacholde, Falscher Holler, Waldbart, Spierstrauch, Spierstaude, Geißripp, Johanniswedel, Wiesengeissbart oder Rüsterstaude und auf Französisch Reine des prés, Wiesenkönigin. Es gibt noch viel mehr an Namensvielfalt für diese Pflanze, was immer ein Hinweis darauf ist, wie gross die Verehrung unserer Vorfahren für eine Pflanze war, was Hand in Hand mit der Vielfalt ihrer Anwendungen und Indikationen geht.
So wurde Mädesüss schon bei den Germanen geschätzt wegen seiner schmerzlindernden, gerinnungshemmenden und adstringierenden Eigenschaften.
Mädesüss gegen Schmerzen und Fieber
Nicolas Culpeper, ein englischer Arzt, hatte Ende des 17. Jahrhunderts ein besonderes Rezept für seine Kolikpatienten. Er kochte Mädesüss in Wein aus, trug den Sud auf den Bauch auf und massierte ihn ein. Der Erfolg gab ihm Recht.
Was Culpeper damals natürlich nicht wissen konnte: die Pflanze enthält Salicylaldehyd, was in der Leber in die fiebersenkende, entzündungshemmende und schmerzstillende Salicylsäure umgewandelt wird. Noch heute wird das Echte Mädesüss gegen Schmerzen und Fieber eingesetzt.
Aus den Blütenknospen wurde früher Salicyaldehyd gewonnen. Spiraea ulmaria ist der alte lateinische Name, und damit stand die Pflanze Pate für Aspirin, was „A spiraea“ heisst, „aus der Spierstaude stammend.“ Längst wird Aspirin synthetisch hergestellt.
Mädesüss bei Rheuma, Blasenbeschwerden und Durchfall
Im 16. Jahrhundert hatte erstmals der Arzt und Botaniker Adam Lonicerus (1528-1586) auf die Heilkräfte der Pflanze hingewiesen, wie auch sein Kollege Hieronymus Bosch (1489-1554). Beide bezogen sich auf die Wurzeln, die sie als wirksame Medizin bei Rheuma und Durchfällen betrachteten und empfahlen darüber hinaus, sie als Aquaretikum oder Entwässerungsmittel einzusetzen.
In Kräuterbüchern ab dem 16. Jahrhundert werden neben den Wurzeln auch die Blüten und das Kraut als Heilmittel erwähnt. Die Blüten wurden als schweisstreibendes Mittel in Form von Tee, bei rheumatischen Beschwerden und wegen ihrer entwässernden Wirkung bei Gicht sowie Blasen- und Nierenleiden angewendet.
In östlichen Ländern wurde und wird ein Absud oder Dekokt zur Wundheilung eingesetzt, und in Frankreich war und ist das Echte Mädesüss im Gebrauch als Diuretikum, bei leichtem Fieber und Grippe sowie Kopf- und Zahnschmerzen verwendet.
Verbreitung von Mädesüss
Echtes Mädesüss wächst in weiten Gebieten Europas. Die Pflanze ist sehr gesellig und bevorzugt feuchte Wiesen, Bach- und Flussufer, Sümpfe und Auen.
Auch in der Schweiz ist sie auf nährstoffreichen Feucht- und Nasswiesen, an Gräben und Bachufern zu finden.
Die Wiesenkönigin
Warum heisst das Echte Mädesüss „Wiesenkönigin“?
Weil diese Pflanze grundsätzlich alle anderen Pflanzen überragt. Das Echte Mädesüss gehört zu den mehrjährigen Rosengewächsen und wächst bis zu zwei Meter hoch. Die Stängel sind kantig, oben verästelt und rötlich. Daraus erspriessen zahlreiche wechselständige gefiederte Blätter. Der Wurzelstock ist kurz und dicklich. Die gelblich-weissen beziehungsweise cremeweissen Mädesüssblüten sind einzeln unscheinbar. Sie bestehen aus fünf kleinen Blütenblättern, sechs bis neun Zentimeter im Durchmesser, die in zahlreichen Trugdolden angeordnet sind.
Die langen Staubblätter ragen auffallend weit aus ihnen hinaus und vermitteln so ein weiches, flauschiges Aussehen. Der Duft der Blüten ist einzigartig mandel-artig süss. Die Blütezeit ist von Mai bis August. Ist der Herbst besonders warm, kann man auch im Herbst noch vereinzelte Blüten finden, aus denen sich auffallende, spiralig gedrehte Früchte entwickeln.
Inhaltsstoffe und Wirkweise
Echtes Mädesüss wird arzneilich fast ausschliesslich als Tee verwendet. Man nimmt entweder nur die Blüten oder das Kraut oder das obere Teil der Staude, oder beides.
Während der Blüte ist Erntezeit. Da Mädesüss nicht angebaut werden kann, gibt es den Tee nur aus Wildsammlung.
Innerlich angewendet wirkt der Tee harn- und schweisstreibend, schmerzstillend, fiebersenkend, antirheumatisch und entzündungshemmend. Die Blüten enthalten das ätherische Öl mit den wichtigen Bestandteilen Salicylaldehyd und Salicylmethylester in noch höherer Konzentration als das Kraut.
Weiter finden sich in der Pflanze Flavonoide wie Spiraesoid, Rutin, Hyperosid und weitere Quercetinverbindungen. Als Gerbstoffe sind Ellagitannine und Gallotannine enthalten.
Im ätherischen Öl des Mädesüss finden sich Wirkstoffe wie freie Salicylsäure sowie Heliotropin, Vanillin und Salicin. Ausserdem wurde pflanzliches Heparin in der Pflanze entdeckt.
Den Tee lässt man bis zu zehn Minuten ziehen und trinkt ihn schluckweise. Nebenwirkungen sind keine bekannt, ebenfalls keine Wechselwirkungen. Bei einer Salicylat-Überempfindlichkeit sollten Mädesüssblüten allerdings nicht angewendet werden.
Mädesüss: Wissenschaftlich anerkannt für Gelenkgesundheit und Nierenfunktion
Sowohl die Blüten als auch das Kraut erhielten Monografien nach Kommission E, ESCOP – Gesellschaft für Phytotherapie -, EFSA – Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit – und HMPC – Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA.
Die Kommission E, das Expertengremium zum Thema Pflanzenheilkunde des deutschen Gesundheitsministeriums, empfiehlt bei Fieber, einen Tee aus ein bis zwei Teelöffel Mädesüssblüten zu trinken.
ESCOP empfiehlt die Anwendung der Heilpflanze als Behandlung bei Erkältungen und zur Verbesserung der Wasserausscheidung der Nieren.
Das HMPC führt zusätzlich die Unterstützung bei Gelenkschmerzen an. Im Europäischen Arzneibuch ist Echtes Mädesüss ebenfalls aufgeführt. Die EFSA erlaubt die Gesundheitsaussagen „trägt zur Gesunderhaltung der Gelenke bei“ und „unterstützt die Beweglichkeit der Gelenke“ und betont die verbesserte Wasserausscheidung über die Nieren durch Mädesüss.
Mädesüss-Produkte auf dem Rückzug
Fertigpräparate aus Echtem Mädesüss sind leider fast komplett vom Markt verschwunden.
Die Firma Ceres führt die Filipendula-Urtinktur als homöopathisches Einzelmittel, und die Firma Dr. Pandalis führt einen Bio-Tee aus Mädesüssblüten. Der Mädesüssblüten Dr. Pandalis Bio Tee ist der einzige in Apotheken erhältliche derartige Tee in Bioqualität.
Mädesüss ist neben Stechendem Mäusedorn und Echtem Steinklee im Venenmittel „Veneo 093“ von Dr. Pandalis enthalten.
Salicylsäure im Mädesüss: Fiebersenkend, entzündungshemmend und venenschützend
1838 gewann der Schweizer Apotheker Johann Pagenstecher erstmals aus dem Mädesüss Salicylaldehyd, den Vorläufer der Salicylsäure. Salicylaldehyd wird in der Leber zu Salicylsäure umgewandelt. Die Salicyläsure hemmt die Bildung von entzündungsfördernden Prostaglandinen und wirkt zusammen mit weiteren Flavonoiden fiebersenkend und entzündungshemmend.
Die Inhaltsstoffe von Mädesüss, allen voran Salicylaldehyd, dämpfen das sympathische Wärmeregulationszentrum, so dass die Temperatur bei Fieber relativ schnell absinken kann, erweitern die Blutgefässe in der Peripherie und regen die Schweissproduktion an. Ausserdem wirkt Salicylsäure desinfizierend und antiseptisch und verhindert Ödembildung, indem die Ausscheidung von Wasser über die Nieren gefördert wird.
Damit wirkt Mädesüss auch als Venenschutz zur Vorbeugung einer chronisch venösen Insuffizienz.
Mädesüss als Akne-Behandlung: Sanfte Hornhautlösung und antibakterielle Wirkung
Salicylaldehyd und Salicylmethylsäureester, ein weiteres Salizylat-Derivat, haben entzündungshemmende Eigenschaften und sind daher für die äussere Anwendung bei Akne geeignet.
Zusammen mit Flavonoiden wirken Salizylat-Derivate antibakteriell, so dass die Vermehrung der Akne verursachenden Bakterien unterbunden wird. Sie lösen sanft die Hornhaut auf, die sich oft bei Akne an den Ausführungsgängen bildet, und der Talg kann wieder ungehindert auf die Hautoberfläche fliessen.
Stellen Sie einfach einen Sud aus drei Teelöffeln Mädesüssblüten-Tee auf einem halben Liter Wasser her, den Sie eine halbe Stunde zugedeckt köcheln lassen. Tunken Sie eine Kompresse in den Sud, drücken Sie sie aus und legen Sie sie auf die Haut zum Einwirken.
Durch seine schweisstreibende Wirkung kann Mädesüss auch bei chronischen Hauterkrankungen genutzt werden, um eine Ableitung über die Haut herbeizuführen.
Mädesüss bei Wunden: Ellagitannine stärken Zellen und hemmen Entzündungen
Die Ellagitannine in Mädesüss gehören zu den Gerbstoffen und haben eine adstringierende Wirkung. Dadurch wird die Reizbarkeit der Zellen vermindert und gleichzeitig ihre Widerstandsfähigkeit gesteigert.
Bei Wunden und entzündeten Schleimhäuten wirken die Gerbstoffe durch Adstrinktion entzündungshemmend und schmerzstillend. Das Eindringen von Erregern in die Schleimhäute oder tiefer liegende Wundschichten wird erschwert oder verhindert, und die Wiederaufnahme von giftigen Zerfallsprodukten wird gehemmt.
Durch die adstringierende Wirkung werden auch Fäulnisvorgänge gehemmt. Ellagitannine wirken lokalanästhetisch und binden als kraftvolle Antioxidantien freie Radikale. Ihre adstringierende Wirkung kommt auch Patienten mit Akne zugute.
Natürliche Unterstützung für Immunabwehr und Blutverdünnung
Die wasserlöslichen Polysaccharide aktivieren das Komplementsystem des menschlichen Organismus, ein wichtiger Teil unseres Immunsystems. Das Komplementsystem moduliert Entzündungsprozesse und aktiviert Leukozyten oder weisse Blutkörperchen als wichtigen Teil der Immunabwehr.
Das Heparin in Mädesüss, ein Polysaccharid, hält das Blut dünnflüssig und optimiert die Blutgerinnung. Durch die Verhinderung der Bildung von Blutgerinnseln wird die Bildung von Thrombosen verhindert, die zu Embolien führen können. Bei Thrombosen hat ein Blutgerinnsel ein Blutgefäss verengt oder verschlossen. Thrombosen in den Arterien, arterielle Thrombosen, sind häufig die Ursache für Herzinfarkte und Schlaganfälle.
Über 50 Studien bestätigen: Mädesüss als natürliche Therapie für Magen, Gelenke und das Herz
Seit Aspirin (Acetylsalicylsäure) preiswert synthetisch hergestellt wird, ist Mädesüss als vielseitige und potente Heilpflanze leider in Vergessenheit geraten.
Der US-amerikanische Pflanzenexperte Dr. James A. Duke empfiehlt in seinem Buch „Die Grüne Apotheke“ Echtes Mädesüss als Therapie bei Magengeschwüren, bei Verdauungsstörungen und Sodbrennen.
Mehr als fünfzig wissenschaftliche Studien bestätigen die antientzündliche, magenschützende, antioxidative, herzstärkende, schmerzlindernde, krebshemmende, pilzhemmende und antibakterielle Wirkung der Pflanze und seine günstige Wirkung auf das Mikrobiom.
Echtes Mädesüss hemmt danach die Bildung von Geschwüren und verbessert die Beweglichkeit und Funktionstüchtigkeit von Gelenken zum Beispiel im Knie und lindert Rückenschmerzen.
Für viele unserer aktuellen Gesundheitsprobleme scheint dieses Kraut gewachsen zu sein. Angesichts der langen Geschichte als Heilpflanze und die Bestätigung der Heilwirkungen durch zahlreiche wissenschaftliche Studien steht in meinen Augen einer Renaissance dieser wunderschönen Wiesenkönigin als Gesundheitsprophylaxe und Pflanzenmedizin nichts mehr im Wege.
Quellen
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Autorin Barbara Simonsohn
Barbara Simonsohn (Jahrgang 1954) studierte Sozialwissenschaften und schloss ihr Studium als Politologin ab. Zehn Jahre hintereinander war sie in der Findhorn-Gemeinschaft in Schottland, wo sie nicht nur im Garten mitarbeitete, sondern auch einige ganzheitliche Heilmethoden lernte.
Sie ist Ernährungsberaterin, Expertin für “Super-Foods”, Reiki-Ausbilderin und Autorin zahlreicher Bücher.