Leberschäden durch Arzneimittel
Autorin: Carina Bobzin, ehrenamtliche Präsidentin und Gründerin von Swiss HePa
Die Leber ist ein sehr wichtiges Organ und hat diverse Funktionen, so auch in Bezug auf Arzneimittel. Zahlreiche Medikamente, die oral, also über den Mund, eingenommen werden, kommen zunächst im Magen und Darm an. Dort werden sie in die Blutbahnen aufgenommen und gelangen dann in die Leber, bevor sie den restlichen Organismus erreichen. Die Leber ist für die Verstoffwechselung der meisten Medikamente verantwortlich, damit sie im Körper wirken können, sowie auch für deren Abbau, so dass sie wieder ausgeschieden werden. Durch gewisse Arzneimittel kann es zu Leberschäden kommen, was auch DILI genannt wird.
Was sind Leberschäden durch Arzneimittel – DILI (Drug induced liver disease)?
Bei einer ärztlich vorgeschriebenen Dosierung und Therapiedauer sollten keine Leberschäden auftreten. DILI ist daher sehr selten und tritt laut Studien bei 1:10”˜000 bis 1:100”˜000 Menschen auf. Neuere, populationsbasierte Untersuchungen von Leberschäden durch Arzneimittel weisen 14 bzw. 19 Personen auf 100”˜000 Einwohner pro Jahr aus.
Einige Menschen reagieren besonders empfindlich auf Arzneimittel und bilden, selbst bei Einhaltung der empfohlenen Dosierung, Leberschäden aus. Für eine toxische, also durch Giftstoffe verursachte, Leberschädigung braucht es in der Regel eine längerfristige Überdosierung von Arzneimitteln.
Es gibt zwei verschiedene Schädigungsmechanismen, die zu DILI führen können. Einerseits die direkte Vergiftung durch eine zu hohe Dosis des Medikaments. Andererseits die Schädigung, ausgelöst durch eine Medikamentenüberempfindlichkeit (idiosynkratische Reaktion). Letztere ist viel häufiger zu beobachten. Der Mechanismus, der zu einer Leberschädigung führt, kann sehr unterschiedlich sein und kommt auf das Arzneimittel und die Ursache der Schädigung an.
Eine Überdosis kann innerhalb von kurzer Zeit (Latenzzeit wenige Tage) zu einem akuten Leberversagen führen, was die versehentliche oder absichtliche überdosierte Einnahme von Arzneimitteln sehr gefährlich macht. Bei den Medikamentenüberempfindlichkeiten reicht das Spektrum von einer leichten Erhöhung der Leberwerte, welche den Patienten möglicherweise gar keine Beschwerden verursachen, bis hin zu einer schweren Hepatitis (Leberentzündung) mit Gelbfärbung von Augen und Haut, die in einem Leberversagen münden kann.
Was bedeutet Latenzzeit?
Unter Latenzzeit versteht man die Zeit von Beginn der Einnahme des Medikaments bis zum Auftreten von DILI. Sie kann bei starker Überdosis wenige Tage, ansonsten meist mehrere Wochen bis Monate, in Einzelfällen auch Jahre, betragen.
Paracetamol, Ibuprofen und Antibiotika als Auslöser für Leberschäden
Ein typisches Medikament, welches überdosiert zu einer Schädigung der Leber führen kann, ist Paracetamol (Acetaminophen). Hier kann ein erhöhter Paracetamolspiegel im Blut nachgewiesen werden.
Die häufigsten Auslöser von DILI durch Überempfindlichkeitsreaktionen sind Antibiotika und nichtsteroidale Entzündungshemmer (z.B. Ibuprofen oder Diclofenac). Auch pflanzliche Präparate und hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel können zu DILI führen. Es ist daher sehr wichtig, den behandelnden Arzt oder Therapeuten über alle eingenommenen Medikamente und Präparate zu informieren.

Die Diagnose eines medikamentösen Leberschadens ist nicht einfach zu stellen, vor allem bei einer Überempfindlichkeitsreaktion. Daher ist die Anamnese, die ausführliche Befragung des Patienten, sehr wichtig. Zunächst müssen auch viele andere Lebererkrankungen, wie beispielsweise eine Virushepatitis, ausgeschlossen werden. Es gibt keinen Labortest bei idiosynkratischen Reaktionen, der Leberschädigungen durch ein bestimmtes Medikament nachweisen kann.
Was sind die Symptome einer DILI?
Häufig ist eine DILI asymptomatisch, aber Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtsverlust, Schmerzen im Oberbauch, Muskelschmerzen, Gelenkbeschwerden, Fieber, Hautrötung, Juckreiz, Gelbsucht, Stuhlentfärbung sowie Urin-Dunkelfärbung, können Hinweise auf eine mögliche Leberschädigung geben.
Tritt eines der oben genannten Symptome während einer Medikamententherapie auf, sollte der Arzt umgehend informiert werden. In manchen Fällen können auch allergische Symptome wie Hautausschlag und Schwellung der Lymphknoten auftreten und in sehr schweren Fällen, wie bei einem Leberversagen, kommt es zu Verwirrtheit bis hin zum Koma.
Wer ist gefährdet?
Für eine Leberschädigung sind vor allem Menschen gefährdet, die die Medikamentendosis selbst erhöhen oder die Therapie entgegen der ärztlichen Verordnung verlängern. Genauso Personen, die ohne ärztliche Absprache mehrere Arzneimittel gleichzeitig (auch Naturheilmittel, hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel) einnehmen. Risikofaktoren können Alter, Übergewicht und das weibliche Geschlecht sein. Das Risiko dieser Faktoren kann sich je nach Medikament auch unterscheiden.
Bei Patienten in sehr schlechtem Ernährungszustand, bei Alkoholabhängigkeit oder bestehender Lebererkrankung kann selbst eine normale Dosis zu einem Leberversagen führen. Diese Gruppen sind darauf angewiesen, Symptomen schnell die nötige Beachtung zu schenken und das Gespräch mit einem Arzt zu suchen. Leider gibt es keine Tests, die eine möglich schädliche Dosierung eines Arzneimittels bei einzelnen Personen ermitteln können.

Wie kann man sich schützen?
Wichtig ist, die vom Arzt vorgeschriebene Dosierung und Therapiedauer einzuhalten.
Die medikamentösen Leberschäden durch eine Überempfindlichkeitsreaktion treten meist unter Einnahme der normalen Dosis auf. Ob es dabei zu einer ernsthaften Schädigung kommt, ist sehr schwierig vorherzusagen, da viele Faktoren eine Rolle spielen (Medikamente, Umwelt, genetische Faktoren). Bei unerwünschten Medikamenten-Reaktionen spielt das Immunsystem eine grosse Rolle. Treten nach Einnahme eines neuen Medikamentes oben genannte Symptome auf, sollte der behandelnde Arzt informiert werden.
Lesen Sie den Beipackzettel der Arzneimittel. Sie finden darin wichtige Hinweise zu Einnahme, Dosierung und möglichen Nebenwirkungen. Ob bei der Einnahme mehrerer Medikamente Wechselwirkungen auftreten können, sollte mit dem behandelnden Arzt abgeklärt werden (gilt auch bei Naturheilmitteln). Es ist wichtig, dass zumindest ein Arzt über die Einnahme all Ihrer Medikamente Bescheid weiss.
Bei neuen Medikamenten ist Vorsicht geboten, da Erfahrungswerte bezüglich Neben- und Wechselwirkungen fehlen. Auch wenn vor der Zulassung Studien mit Tieren und Menschen durchgeführt worden sind, zeichnet sich das Bild der Wirkung und der Nebenwirkungen erst richtig ab, wenn die breite Bevölkerung Zugang zu den Medikamenten hat.
Wie soll man bei Verdacht auf Leberschäden reagieren?
Bei einer Medikamenten-Überdosis ist dringend das nächste Spital aufzusuchen. In einem solchen Fall sind eine stationäre Behandlung und Überwachung erforderlich. Bei einer Vergiftung durch eine Überdosis Paracetamol muss möglichst schnell das Medikament N-Acetylcystein über die Vene verabreicht werden. Ist die Leberschädigung durch Arzneimittel alarmierend und lebensbedrohlich, kann in seltenen Fällen eine Lebertransplantation notwendig werden.
Bei Verdacht auf eine toxische Leberschädigung trotz normaler Medikamentendosierung, ist es meistens ausreichend, das Medikament abzusetzen, um fortschreitende Leberschäden zu vermeiden.
Es empfiehlt sich, die Leberwerte überprüfen zu lassen. Ist der Leberwert Gamma-GT angestiegen, sind die anderen Leberwerte (GOT und GPT) aber normal und liegen keine Beschwerden vor, weist das noch nicht auf eine geschädigte Leber hin. Eine Untersuchung und das Gespräch mit dem Arzt werden dann über die weitere Medikamenteneinnahme entscheiden.
Wie wird eine Leberschädigung behandelt?
Das Arzneimittel abzusetzen, ist in den meisten Fällen die entscheidende Massnahme. Allerdings sollten Medikamente erst nach Rücksprache mit einem Arzt abgesetzt werden. Dies gilt besonders für blutdrucksenkende Medikamente oder Antiepileptika. In den meisten Fällen kommt es nach dem Absetzen zu einer spontanen Erholung, denn die Leber hat eine hohe Kapazität sich zu regenerieren. Eine gesunde Lebensweise, inklusive Verzicht auf Alkohol, ist dabei auf jeden Fall vorteilhaft.
Wo kann man Nebenwirkungen oder Arzneimittelschäden melden?
Es stehen mehrere Wege dafür offen, z.B. über behandelnde Ärzte, über Apotheken, über die jeweilige Herstellerfirma des verdächtigten Präparates und in der Schweiz online über das Portal Swissmedic.
Wie kann geholfen werden?
Viele Menschen, die Arzneimittel einnehmen, sind sich deren Wirkung und möglichen Nebenwirkungen nicht bewusst. Daher ist ein vertraulicher Dialog mit dem Arzt oder ein Gespräch mit dem Apotheker wichtig.
Für mehr Informationen rund um das Thema «Toxische Leberschäden» gibt es auf der Homepage www.swisshepa.org vom Schweizer Leberpatienten Verein Swiss HePa Informationsvideos in Form von Referaten und Interviews mit einem Leberspezialisten.
«Gemeinsam sind wir stark»:
Da der Schweizer Leberpatienten Verein Swiss HePa ein gemeinnütziger Verein ist, sind wir dringend auf Mitgliederbeiträge, Spenden, Gönner, Legate und Sponsorengelder angewiesen: «Helfen Sie, mitzuhelfen!»

Carina Bobzin ist Gründerin und Präsidentin vom Schweizer Leberpatienten Verein Swiss HePa