Heilung durch Permakultur
Zu Beginn dieses Artikels würde ich gerne ein Experiment mit Ihnen machen. Schliessen Sie ihre Augen. Stellen Sie sich vor, Sie müssen an eine Konferenz. An eine Konferenz auf einem anderen Planeten. An dieser Konferenz repräsentieren Sie den Planeten Erde. Und Ihre Aufgabe dort ist es, den Ausserirdischen die Natur zu erklären.
Dafür dürfen Sie aber keine Worte brauchen. Sie stehen vor einer weissen Leinwand und haben eine Vielzahl an Farben zur Verfügung, um die Natur, so wie Sie sie sich vorstellen, zu malen. Wenn Sie fertig sind, öffnen Sie die Augen. Haben Sie einen Baum gemalt? Haben Sie Wasser gemalt? Oder vielleicht ein Tier? Haben Sie auch ein Feuer gemalt? Und haben Sie den Menschen gemalt?
Viele von Ihnen werden nun überrascht sein, dass der Mensch keinen Platz in Ihrem Bild der Natur gefunden hat. Wir Menschen haben angefangen, uns nicht mehr als Teil der Natur zu sehen. Wir grenzen uns ab.
Auf der einen Seite steht die Natur, die es zu schützen gilt, und auf der anderen Seite steht der Mensch. Wir gehen aber mit der Natur Hand in Hand. Wir SIND die Natur. In der Permakultur versuchen wir diesen Denkansatz in unser Handeln zu integrieren. Wir gärtnern mit der Natur. Jedoch ist unser Garten nicht nur das grüne Grundstück vor unserem Haus. Der Garten breitet sich in alle Bereiche unseres Lebens aus.
Fangen wir bei unserem Körper an. Unser Körper funktioniert genau wie ein Garten. Er ist ein von selbst funktionierendes und sich regulierendes Ökosystem. Alles im Körper ist miteinander verbunden und arbeitet miteinander. Seien es unsere Organe oder die Abermillionen Bakterien, die sich in und auf uns tummeln.
Und wenn wir dieses Ökosystem schlecht behandeln, fällt der Körper ins Ungleichgewicht und wir werden krank. Und wenn wir ein Antibiotikum nehmen, um einen spezifischen Angreifer abzuwehren, töten wir zur gleichen Zeit auch unzählige andere Bakterien, welche für uns von grösster Bedeutung sind.
Genauso sieht es aus, wenn wir im Garten mit Pestiziden hantieren. Weiter gehts in unserem Daheim, unserem Haus oder unserer Wohnung. Unsere Mitbewohner, unsere Familie oder auch unsere Arbeit und die Menschen dort sind alles kleine Systeme, aufgebaut wie ein Garten.
Die Permakultur
Doch was ist eigentlich die Permakultur? Vor einigen Jahren hatte sie noch ein Nischendasein, unterdessen ist die Permakultur aber den meisten Landwirten und Hobbygärtnern ein Begriff.
Die Permakultur wurde in den 70er Jahren von den beiden Australiern Bill Mollison und David Holmgren gegründet. Der Begriff ist ursprünglich eine Kombination der englischen Wörter permanent und agriculture, was so viel heisst wie «permanente Landwirtschaft». Also eine Landwirtschaft, mit der auch in 1000 Jahren noch auf demselben Boden Landwirtschaft betrieben werden kann.
Heutzutage geht der Begriff jedoch weiter. Es wird nicht nur Agrikultur, sondern allgemein die «Kultur» miteinbezogen, also die ganze Art und Weise, wie wir Menschen miteinander zusammenleben, wie wir mit unserer Erde umgehen und diese bewirtschaften, aber auch wie wir zu uns selbst schauen. Mit der Permakultur soll aufgezeigt werden, wie wir es schaffen, ein Überleben im Einklang mit der Natur, und nicht gegen die Natur, auf unserem Planeten ermöglichen zu können.
Die ethischen Grundsätze
Die drei ethischen Grundsätze der Permakultur helfen uns beim Vorgehen, die Permakultur in die Tat umzusetzen. Bei jeder Handlung, die wir machen – sei es bei uns im Garten oder auch im privaten Leben oder bei der Arbeit – können diese hinterfragt werden.
Als erster Grundsatz steht die «Earth Care», also das Sorgetragen für unseren Planeten. Die Erde ist unsere Lebensgrundlage und wir bekommen von ihr alles, was wir zum Leben brauchen. Für dieses Geschenk sollten wir dankbar sein und der Natur den nötigen Respekt erweisen.
Das heisst, egal was wir in unserem Garten unternehmen, die Natur sollte dabei keinen Schaden nehmen. Im Gegenteil, wir sollten die Erde sogar heilen. Als zweiter Grundsatz steht das «People Care», das Sorgetragen für die Menschen. Wir sollen auf uns selbst und auf unsere Mitmenschen achtgeben. Um ein friedliches Zusammenleben auf dieser Welt zu sichern, müssen wir zusammen und nicht gegeneinander arbeiten.
Und zu guter Letzt steht der Grundsatz «Fair Share», also eine faire Teilung der Güter. Unser Planet hat begrenzte Kapazitäten. Dabei sollten wir nicht mehr nehmen, als wir wieder zurückgeben können. Dies erreichen wir, indem wir nicht verschwenderisch mit Ressourcen umgehen und von der Natur nur das nehmen, was wir fürs Überleben benötigen. Überschuss wird mit anderen geteilt, zu fairen Preisen verkauft oder der Natur zurückgegeben.
Mit der Natur
Permakultur steht für ein Konzept, welches multifunktionale und vernetzte Ökosysteme designt, initiiert und erhält. Das heisst, in der Permakultur wird viel Wert auf das Gartendesign gelegt. Denn durch ein optimales Gartendesign kann ein Ökosystem aufgebaut werden, welches resilient ist und von selbst funktioniert.
Der Mensch muss danach nur noch eingreifen, wenn das Gleichgewicht ins Schwanken kommt und zum Beispiel eine Pflanze überhandnimmt. Es werden also nicht irgendwelche Pflanzen an einen beliebigen Ort gepflanzt, sondern genau darauf geschaut, wo der Bestimmungsort dieser Pflanze sein soll.
Dabei können wir die Natur als Beispiel nehmen. «Wo würde diese Pflanze denn in der Natur wachsen?», können wir uns fragen. So wissen wir zum Beispiel, dass die Heidelbeere ursprünglich aus den Wäldern stammt und daher einen sauren und lockeren Boden benötigt. Daher pflanzen wir sie am passenden Standort im Garten.
Jedoch spielt nicht nur der einzelne Standort, sondern auch die Pflanzengemeinschaft eine Rolle. Die Pflanzen in unserem Garten sind Lebewesen und kommunizieren auf verschiedenste Weisen miteinander. Sei das durch das Absondern von Duftstoffen, durch das Wurzelgeflecht oder auch auf anderen Wegen.
Alle Pflanzen stehen im kontinuierlichen Austausch miteinander. Dabei geht es ihnen wie uns Menschen, einige vertragen sich besser und einige weniger. Hier können wir darauf schauen, dass wir diese Pflanzengemeinschaften positiv begünstigen.
Wenn Sie zum Beispiel einen neuen Apfelbaum bei sich in den Garten setzen, können Sie gleich einige Pflanzen danebensetzen, welche sein Wachstum begünstigen. Anstatt ein Gitter gegen Wühlmäuse um den Wurzelballen zu legen, welches das Wachstum der Wurzeln hemmt, setzen Sie einige Beinwell- und Meerrettich-Pflanzen. Diese lenken die Mäuse ab, sind zudem Humus aufbauend und durchlüften mit ihren grossen und tiefen Pfahlwurzeln den Boden.
Daneben pflanzen wir zum Beispiel eine Melisse gegen die Blattläuse und einige Zwiebelgewächse, wie zum Beispiel den mehrjährigen Lauch oder Schnittknoblauch, welche das Wachstum des Apfelbaumes (Rosengewächs) begünstigen. Durch diese Pflanzengemeinschaft wird auch die Wiese ferngehalten, welche den Baum nur negativ beeinflussen würde und eine Konkurrenz wäre.
Wenn wir so arbeiten und unseren Pflanzen optimale Voraussetzungen schaffen, um zu gedeihen, wird die Natur mit uns zusammenarbeiten und unsere Arbeit auch belohnen.
Heilung durch Permakultur
Die Permakultur bringt uns wieder zurück in die Natur. Wir lernen wieder mit ihr zu Arbeiten und zu Kommunizieren und dies auf eine aktive Art und Weise. Wir lernen, dass die sogenannte Unkräuter einen Teil vom grossen Ganzen sind und ihren Platz haben dürfen.
Und wir lernen, dass die Schnecken ein Teil vom Ökosystem sind und auch sie ihre Aufgaben, nämlich das zersetzen von kranken Pflanzen, zu erfüllen haben. Diese Herangehensweise heilt schlussendlich nicht nur unseren Garten und damit die Natur. Sie heilt auch uns selbst.
Wir lassen den inneren Kampf gegen unsere Umwelt hinter uns und werden wieder einen Teil unserer Mitwelt. Zudem ist es wissenschaftlich bewiesen, dass schon nur die Ansicht von Blattgrün für uns Menschen heilsam ist, sowie auch das Hören von Vogelgezwitscher oder das Rascheln der Blätter im Wind.
Und wenn wir jetzt noch Barfuss durch unseren Garten schlendern, entgiften wir unseren Körper und geben den Pflanzen in der Umgebung wichtige Informationen von uns ab. Barfuss gehen erdet uns auch und kann nach einem stressvollen Tag sehr wohlsam sein.
Nahrung die uns heilt
Und das beste am Ganzen, wir können uns mit den wunderbarsten Lebensmittel versorgen und es mit unseren Mitmenschen teilen. Die frische Nahrung direkt aus dem Garten ist voller Vitalstoffe und Lebensenergie. Sie wird unseren Körper beleben und gesund halten.
Da wir in der Permakultur viel mit mehrjährigen Pflanzen arbeiten, sind diese viel stärker in der Erde verwurzelt als ein einjähriger Weizenhalm aus der Monokultur. Mehrjährige Pflanzen ziehen daher viel mehr und hochwertigere Nährstoffe aus dem Boden als Einjährige.
Zudem sind die Böden im Permakulturgarten so intakt und voller Bakterien, Mikroorganismen und Pilzen, dass auch diese in unsere Nahrung übergehen und auch uns beleben. „Deine Nahrungsmittel seien deine Medizin“, sagt der griechische Arzt Hippokrates nicht ohne Grund. Auf die Nahrungsmittel in den heutigen Supermärkten ist dies jedoch kaum zutreffend.
Probieren Sie es aus. Gehen Sie von nun an mit Ihrem Garten Hand in Hand. Denn Sie sind die Natur, Sie sind Ihr Garten. Die Natur wurde viel zu lange von uns getrennt. Es ist Zeit diese Verbindung wieder zu erlernen und aufzubauen.