Geschichte der Medizin: Wie die Eigenverantwortung verloren ging
Gesundheit und Eigenverantwortung wurden in der Antike hoch bewertet und als eine wichtige Voraussetzung für ein glückliches Leben angesehen: man konzentrierte sich darauf, was Gesundheit genau ist, worin sie besteht, wie man sie erhalten und verbessern kann.
Die Gesundheit wurde somit als ein Zustand von Gleichgewicht, Harmonie und innerer Stabilität angesehen, die durch eine bestimmte Lebensführung zu beeinflussen ist.
Medizin in der Antike
Unter dem Einfluss der griechischen Ärzte, die mit dem Namen Hippokrates von Kos (460-370 v.Chr) und Diokles von Karystos (Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr.) verbunden ist, entwickelte sich die Vorstellung im 4. und 5. Jhdt. v. Chr., dass der Mensch seine Gesundheit oder die seiner Gesellschaft bis zu einem erheblichen Grad mitbestimmen könne und dafür auch Verantwortung zu übernehmen habe.
Eine der wichtigsten Teilbereiche der Medizin umfasste neben Essen und Trinken alle Aspekte der körperlichen Lebensführung, wie Arbeit, Erholung, Sport, Massage, Baden, Körperpflege, Schlafen und Wachen, sowie Sexualität. Das war nicht nur eine Methode zur Behandlung von Krankheiten, sondern eines der wichtigsten Elemente der Gesundheitsversorgung.
Es galt ausserdem als ein wichtiger Bereich, in dem der Laie – ohne Eingreifen des Arztes – für fähig erachtet wurde, selbst durch erhebliche Eigenleistung zum Erhalt der Gesundheit beizutragen. Dabei wurde immer die individuelle Situation des Menschen in Betracht gezogen.
Deshalb verfassten damalige Medizinautoren nicht nur wissenschaftliche Abhandlungen, sondern auch Texte, die für den Laien zugänglich waren. Zu den Themen gehörten auch die Versorgung von älteren Menschen und Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Ziel war nicht allein die Vorbeugung von Krankheiten, sondern auch die Erhöhung der Gesundheit und Lebensqualität entsprechend den jeweiligen individuellen Möglichkeiten.
Wichtiger Impulsgeber für die Gesundheitslehre: Galenos von Pergamon
Die antike Gesundheitslehre erhielt einen weiteren wichtigen Impuls durch die Arbeiten des grossen Mediziners Galenos von Pergamon (129–216 n. Chr.) einer der bedeutendsten Ärzte des Altertums, der ein riesiges Korpus medizinischer Schriften verfasste.
Seine umfassende Lehre über Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers beherrschte bis ins 17. Jahrhundert die gesamte Heilkunde. Auch er sprach dem jeweiligen Individuum dabei eine gewisse Verantwortung zu.
Er entwickelte eine ausführliche Theorie des gesunden Lebens und entwarf ein Idealbild «des besten Zustandes des Körpers». Dabei orientierte er sich an den Grundsätzen, die bereits Hippokrates und Diokles sechs Jahrhunderte zuvor beschrieben hatten. Auch in seinen Werken spielen Gleichwicht und Betrachtung der besonderen Umstände des jeweiligen Menschen eine grosse Rolle.
Zu dem befasste auch er sich in mehreren Kapiteln mit der körperlichen und geistigen Erziehung von Kindern und Jugendlichen; hier werde schon frühzeitig die Grundlage für ein gesundes Leben gelegt. Auch dem Alter und Altersvorsorge hat Galenos eine ganze Abteilung seiner Schrift gewidmet.
Sein Leitgedanke war das alle Erscheinungen in der Natur und beim Menschen einen bestimmten Zweck erfüllen. Galenos begriff den Menschen als eine Leib-Seele-Einheit, die von zwei Seiten beeinflusst wird, vom Spirituellen und von Materie.
Humoralpathologie – Die Lehre von den Körpersäften, deren richtige Mischung Gesundheit, deren Ungleichgewicht Krankheit bedeutet
Galenos meinte und lehrte, dass Krankheiten durch eine schlechte ”žaus dem Gleichgewicht geratene“ Mischung von den vier Körpersäften zu erklären waren, die er als Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle identifizierte.
Für die Therapie bedeutete diese Einstellung, dass zur Heilung eines Kranken ausleitende Massnahmen wie Schröpfen, Aderlass, Blutegeltherapie, Einläufe usw. nötig waren um die Balance der Körpersäfte wiederherzustellen.
Er war der Ansicht, dass der menschliche Körper ein von der Natur wunderbar konstruiertes System darstelle, in dem alle Teile einen Zweck erfüllten und auf ein gemeinsames Gut hin, nämlich die ganzheitliche körperliche und geistige Gesundheit, arbeiten.
Er behauptete auch dass die menschliche Natur ein selbst heilendes Vermögen habe und sogar bei Krankheit die Kraft und die Fähigkeit besitze, selbst zur Heilung und Wiederherstellung seiner Gesundheit beizutragen.
Medizin bedeutete damals nichts anderes, als dass der Arzt mit der Natur zusammenarbeitet. Dass viele Krankheiten nicht der Natur zuzuschreiben seien, sondern ihre Ursache in den menschlichen Faktoren liegen. Wie zum Bsp. in einem ungesunden Lebensstil des jeweiligen Menschen, seiner Eltern oder der gesellschaftlichen Umgebung.
Gesundheit ist also nicht etwas, das uns passiert, ohne dass wir darauf einen Einfluss hätten, sondern wir können eigenverantwortlich selbst in hohem Masse dazu beitragen.
Galenos Idee von Säften als Auslöser von Krankheiten hielt sich durch die byzantinischen und mittelalterlichen Zeiten hindurch, bis sich im 19. Jh. die wissenschaftliche Sicht grundsätzlich änderte und die Chemie anfing von Molekülen und Atomen zu sprechen, die sich verbinden konnten. Das ermutigte damals einige Mediziner, in die gleiche Richtung zu denken.
Gedanke Naturbeherrschung
Denn schon der erste moderne Philosoph Renè Descartes schrieb im Jahr 1637 «Die Menschen haben das Potential, die Herrscher und Besitzer der Natur zu werden.» Denn Descartes glaubte, die lebendige Welt sei nichts anderes als eine grosse Maschine, die der Mensch gebrauchen könne.
Descartes damalige Aussage reflektiert somit die in unserer Menschheitsgeschichte stark wachsende Akkumulation von Wissen über Eigenschaften und Gesetzmässigkeiten der Natur, die es in zunehmendem Masse erlauben, mit Hilfe von Technik partikulär zu erforschen und im weitesten Sinne natürliche Vorgänge, Zustände und Lebewesen zu verändern oder zu beeinflussen.
Seither gehört Naturbeherrschung zum Selbstverständnis des neuzeitlichen Menschen. Eine Menschheit die ständig versucht sich die Welt mit Wissenschaft und Technik dienstbar zu machen.
Heute meinen wir, die Natur sei ein einziger Datenbestand, den wir mit Hilfe unserer Maschinen berechnen und perfektionieren können. Dem Selbstverständnis in der Antike war dieser Gedanke der Naturbeherrschung weitgehend fremd.
Im 19. Jahrhundert wurde die Ärzteschaft mehr und mehr der universitären Wissenschaft verpflichtet. Ihre Tätigkeit forderte zunehmend eine Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das Heil der Medizin wurde allein im «wissenschaftlichen Fortschritt» gesehen, während die bis kurz zuvor noch gültigen und bewährten Lehren und Sichtweisen plötzlich als überholt galten.
Damit war das Fundament zur sogenannten «Schulmedizin» gelegt. Medizin ohne die Wissenschaft, wurde unvorstellbar.
Partikuläres Denken
Auch die Medizin brauchte als Wissenschaft wie jede andere Disziplin ein Objekt zum Erforschen und das konnte nicht die Gesundheit sein über deren Verborgenheit sich Philosophen seit je Gedanken gemacht haben.
Im 18. Jhr. genauer in dem Jahr 1763 begann die Ablösung vom ganzheitlichen Denken und die Hinwendung zum punktweise ins Detail gehende Denken. In dem der italienische Arzt Giovanni Battista Morgagni, Begründer der modernen Pathologie sein fünfbändiges Werk ”žÜber den Sitz und die Ursachen von Krankheiten, aufgespürt durch die Anatomie“ vorlegte.
Er bezweifelte und überwindete somit die aus der Antike stammende Idee einer Humoralpathologie. Morgagni setzte dem alten bewährten Konzept die Ergebnisse seiner empirischen Untersuchungen entgegen, die er nach dem Tod seiner Patienten durchgeführt hatte und die ihm zeigten, dass Krankheiten offensichtlich mit anatomischen Veränderungen an festen und fassbaren Organen einhergehen.
Seither sucht man nach Stellen in einem Kranken, auf die sich die Schmerzen oder Leiden zurückführen lassen, die einen Patienten beeinträchtigen. Hält Ausschau nach Störungen von festen Bestandteilen und Strukturen eines Körpers um das zu erklären, was als Krankheitsgeschehen bezeichnet wird.
Entstehung von Bakteriologie
Dieser Trend setzte sich in den folgenden Jahrzenten fort. Um etwa 1880 herum entstand eine Wissenschaft namens Bakteriologie. Das beschreibt was man im Lichtmikroskop sehen kann, wenn man nach Objekten / die Bakterien sucht, die noch kleiner sind als die Zellen.
Die mit immer besseren Auflösungsvermögen ausgestatteten Mikroskope eröffneten somit den Blick auf eine wimmelnde Welt von Mikroorganismen. Zu ihnen gehören die Bakterien ebenso wie einige Pilze und im 20. Jahrhundert gesellten sich noch viel kleinere Partikel dazu, die auch von feinsten Poren in keinem Filter aufgefangen werden konnten. Da ist die Rede von Viren, die inzwischen auch nicht als etwas Flüssiges, sondern als raffiniert gebaute Teilchen erkannt werden konnten.
Pioniere im Verständnis von Mikroorganismen
Wer die Geschichte der Bakteriologie oder Mikrobiologie untersucht, kommt rasch und zuverlässig auf zwei Forscher zu sprechen, die mehr gegeneinander als miteinander gearbeitet haben. Ihr gemeinsames Bemühen um das Verständnis von Mikroorganismen wird als «Duell zweier Giganten» beschrieben. Gemeint sind der ursprünglich als Chemiker tätige Franzose Louis Pasteur und der zunächst als Landarzt ausgebildete deutsche Bakteriologe Robert Koch.
Pasteur erkannte als erster, dass Eiter und Wundbrand durch Mikroben hervorgerufen werden. Das bildete die Grundlage für alle weiteren Forschungen in der antiseptischen Wundbehandlung. Er entwickelte Impfstoffe gegen Geflügelcholera, den Milzbrand und die Tollwut.
1891 wurde Koch Direktor des neu gegründeten königlich Preussischen Instituts für Infektionskrankheiten, heute bekannt als Robert Koch Institut. 1905 erhielt er für die Entdeckung der Tuberkulose Bazillen den Nobelpreis für Medizin.
Diese von Erfolg zu Erfolg eilende mikrobielle Sicht der Medizin hatte weitreichende Folgen. Die erste war die Suche nach Medikamenten, in dem man sich vornahm, auf die Krankheitserreger chemisch zu zielen und sie zu vernichten.
Die zweite Konsequenz aus den Erfolgen der Mikrobiologen zeigte sich eher in eine umgekehrte Richtung, nämlich dadurch, dass es jetzt nicht unbedingt besser mit der Gesundheit ging. Denn vor dem 19. Jahrhundert und vor den Entdeckungen der Mikroorganismen gab es so etwas wie eine gesundheitliche Eigenverantwortung, der man durch gute Lebensweise, kluge Ernährung und ausreichendem Schlaf gerecht wurde.
Mit den Entdeckungen der Mikrobiologie verwandelte sich Gesundheit in eine messbare Grösse, und die Heilung wurde zu einem eher technischen Vorgang, den man nicht mehr selbst erarbeiten musste, den man dafür aber bei anderen kaufen konnte und bezahlen musste, wobei inzwischen die Kostenfrage in der Medizin ihre eigene Dimension erreicht hat.
Die moderne Medizin
Die moderne Medizin, so wie sie heute praktiziert wird hat ihren Siegeszug im 19. Jh. vollzogen mit der Entdeckung der Bakteriologie, Röntgendiagnostik, neue Operationsverfahren und Medikamente und mit der Geburt der uns heute vertrauten Krankenhäuser.
Natürlich gehört zur Geschichte der Medizin auch die parallele Geschichte der Pharmaindustrie, wie die Unternehmen Bayer AG, Roche, Novartis und viele andere von denen einige als Apotheken begonnen haben. Ihr Beitrag zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung verdient auch Platz, der aber hier nicht zur Verfügung steht.
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts kam der Versicherer dazu, als eine dritte Instanz, in den ärztlichen Wirkungskreis und mit ihm die Ökonomie des zahlenden Kollektivs. Selbstverständlich verschwand somit die wohltätige, karitative Komponente aus der Medizin. Die Arzt-Patient Beziehung wurde dadurch immer weiter strapaziert, überwacht und kompliziert.
Die Versicherungen forderten Rechenschaft über ihre Beiträge, bis hinunter in die individuelle Tätigkeit des einzelnen Arztes. Die extrem zeitintensiven Rechenschaftsberichte und Formulare an die Versicherungen dienen heute den Begriffen Dokumentation, Leistungsberechtigung, Wirksamkeit, Kontrolle und natürlich Wirtschaftlichkeit.
Gleichzeitig erzeugt das Versicherungssystem einen passiven Patienten mit abwartender Konsumentenhaltung, die nur noch Therapien bekommen möchte die von der Kasse bezahlt werden. Man kann unter solchen Umständen gar nicht erwarten, dass sie eine Medizin praktizieren, die an Heilung orientiert ist.
An dieser Stelle kommt noch die Digitalisierung in die tägliche Arbeit eines Arztes. Eine breite Palette von Kontrollstatistiken wurde aufgebaut, die alle bedient sein wollen. Seien es medizinische Statistiken über Fallzahlen, über die ärztlichen Tagesstrukturen, die Minuten am Patienten und dessen Zeitverlust im Wartezimmer, über den Umfang und die Haftpflichtqualität von Arztberichten, über Temperaturtabellen im ärztlichen Kühlschrank, die Statistiken zu Todesursachen, über Nebenwirkungen von Medikamenten, die Erfassung ansteckender Krankheiten, die Meldungen über Weiterbildungsstunden aber auch Meldungen zu Grippe, zu Suchtpatienten und, «Big Data», eine unendliche Liste.
Kritik an der modernen Schulmedizin
Und wer füttert diese tagtäglich? Kann man gleichzeitig mehreren Instanzen dienen?
Kann es sein, dass die absorbierten Ärzte aus diesem Grunde am Krankenbett fehlen und keine Zeit mehr für den Leidenden haben? Ist das der Grund warum ein Arzt viel zu schnell zu seinem Rezeptblock greift um schnell ein Medikament zu verordnen?
Wohin führen diese krankhaften Dauerdaten-Erhebungen mit ihrem gewaltigen Apparat die mehr und mehr zu einem gut funktionierenden Krankheitswesen, aber gleichzeitig zu einem ineffizienten Gesundheitswesen führt?
Das schulmedizinische System sieht heute den Menschen nur noch als funktionaler Organismus, losgelöst von seelischen und geistigen Ansprüchen. Als eine Art Maschine, die bei jedem gleich therapiert werden kann. Um individuelle psychosomatische Krankheiten kümmert sich die Schulmedizin fast nicht.
Psychosomatisch Kranke bekommen immer die gleichen Mittel, man versucht auch da die Dinge zu unterdrücken und durch Tranquilizer oder Psychopharmaka die Seele vom Körper zu entkoppeln. Ist das im Sinne des Menschseins, das auf der Einheit von Körper, Geist und Seele beruht?
Die Schulmedizin hat sich ganz auf den körperlichen Aspekt zurückgezogen und das seelische den Psychotherapeuten überlassen. Ursprünglich war das alles in einer Hand und es ging noch um das Thema «Heil.»
Mehr Behandlungserfolge, aber nicht weniger Krankheitssymptome
Die Schulmedizin erzielt zwar immer mehr Behandlungserfolge, aber man kann nicht sagen, dass dadurch die Krankheitssymptome weniger werden. Es werden immer mehr und immer bessere Medikamente erfunden und es werden auch immer mehr Medikamente gebraucht. Sie hat den Anspruch Symptome zu bekämpfen und aus der Welt zu schaffen und sieht alles unter einem kausalen Blickwinkel.
So wie die Schulmedizin mit dem Körper umgeht, würde man einem Handwerker nie erlauben! Nehmen wir an, du hast Schmerzen und gehst zum Arzt. Er gibt dir dann ein Medikament und die Schmerzen hören auf. Nun bist du zufrieden. Wäre es aber nicht das Gleiche, wenn an deinem Auto die Warnleuchte leuchtet, und der Mechaniker kommt und dreht sie lose?
Die Lampe hört auf zu leuchten und du könntest zufrieden sein. Jedoch würden wir uns das nie von ihm gefallen lassen und wären sehr wütend… Natürlich kann man den Körper mit Chemie stückweise und kurzfristig unterstützen. Aber langfristig kann man ihn auch sehr behindern.
Die Schulmedizin ist heute im Bereich der Reparatur und Notfallmedizin besser als zuvor. In dieser Beziehung leistet sie Unglaubliches. Was die Chirurgie heute fertigbringt, grenzt ans Wunderbare.
Jedoch ist das der Bereich der Reparatur. Was den Anspruch des «Heils» betrifft, der früher auch ein Anliegen der Medizin war, ist sie davon inzwischen ganz weit entfernt. Gesundheit ist nach der Definition der WHO einerseits der «Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens», andererseits aber ein «menschliches Grundrecht».