Warum Extremhunger kein Kontrollverlust, sondern ein Körpersignal ist
Mit Extremhunger ist kein „ach jetzt habe ich aber einen grossen Hunger“ gemeint, den viele, wenn nicht die meisten Menschen kennen.
Extremhunger oder Heisshunger, wie er in der Medizin bezeichnet wird, beschreibt den unbändigen Drang nach Süssem, Salzigem oder Fettigem.
Im Unterschied zum normalem starken Hunger, der sich nach und nach aufbaut und eine gewisse Zeit gut aushalten lässt, kommt der extreme Hunger sehr plötzlich und stark, wodurch es schwierig bis unmöglich ist, ihm standzuhalten. Das ist der berüchtigte und gefürchtete Schalter, den es im Kopf plötzlich umlegt.
So kommt es dann zu mehr oder minder heftigen Essanfällen oder gar Fressattacken, bei denen unkontrolliert mehrere tausende Kalorien vor allem an Kohlenhydraten verschlungen werden. Je nach Häufigkeit und Dauer spricht man dann von Bulimie (mit Kompensation) oder Binge Eating Disorder – Essattackenstörung (ohne Kompensation).
Aufhören zu essen können viele erst, wenn sie gefühlt kurz vor dem Platzen sind.
Was Heisshunger dem Körper eigentlich sagen will
Es gibt verschiedene Ursachen für dieses Phänomen. Der Körper zeigt uns mit diesem Signal normalerweise eindringlich, dass ihm lebensnotwendige Nährstoffe fehlen. Heisshunger kann aber auch ein Symptom für körperliche und psychische Erkrankungen oder hormonelle Veränderungen sein.
Mögliche körperliche Ursachen
👉🏼 Diabetes mellitus
👉🏼 Schilddrüsenüberfunktion
👉🏼 Lebererkrankungen
👉🏼 Stoffwechselerkrankungen
👉🏼 Morbus Addison (seltene Unterfunktion der Nebenniere: Symptom Salzhunger)
Weitere mögliche Auslöser
👉🏼 Stress
👉🏼 Psychopharmaka
👉🏼 Migräne
👉🏼 Glutamat (Geschmacksverstärker)
👉🏼 Alkoholabhängigkeit
👉🏼 Cannabis-Konsum
Die zwei häufigsten Ursachen für Extremhunger: Diäten und Stress
Viele Betroffene versuchen, den extremen Heisshunger zu unterdrücken. Das ist sehr schwierig bis unmöglich, weil Körper und Psyche etwas brauchen, das sie nicht ausreichend bekommen. Extremhunger ist ein massives Symptom, ein lauter Hilfeschrei. Reines Wegdrücken funktioniert auf Dauer nicht.
Andere Stimmen raten dazu, den Heisshunger einfach zuzulassen, alles zu essen, worauf man Lust hat, und eine Gewichtszunahme in Kauf zu nehmen. Das ist das sogenannte All-in. Doch allein diese Aussicht bedeutet für viele schon enormen zusätzlichen Stress.
Das Argument dahinter: Irgendwann habe der Körper „genug“, der Heisshunger lasse nach und das Gewicht reguliere sich wieder.
In der Realität funktioniert das bei den meisten nicht. Zwar werden viele Kalorien gegessen, aber die Zusammensetzung der Nahrung liefert nicht das, was Körper und Psyche tatsächlich brauchen.
Diese beiden Faktoren treten meist gemeinsam auf.
Extremhunger durch Diäten und Nährstoffmangel
Eine Essstörung und Fress-Flashs stehen immer im Zusammenhang mit einem Nährstoffmangel. Frauen, die unter Heisshungeranfällen leiden, haben vor dem ersten Auftreten der Attacken mindestens eines davon erlebt:
➡️ eine oder mehrere Diäten
➡️ zu wenig Essen (z. B. durch Diät, Stress oder Krankheit)
➡️ unregelmäßiges Essen und ausgelassene Mahlzeiten (z. B. kein Frühstück)
➡️ einseitige Ernährung
➡️ generelle Kalorienreduktion aus unterschiedlichen Gründen
Der daraus resultierende Nährstoffmangel führt dazu, dass der Körper irgendwann heftig nach den fehlenden Bausteinen verlangt – er schreit regelrecht danach. Betroffene können diesem Drang kaum standhalten und essen dann große Mengen. Doch genau diese Essanfälle beheben den Mangel nicht, weil die fehlenden Nährstoffe nicht gezielt zugeführt werden. So dreht sich die Spirale immer weiter.
Anhaltender Stress als Verstärker
Fast immer kommt chronischer Stress hinzu, zum Beispiel durch:
🙄 Konflikte in Beziehungen
🙄 geringes Selbstwertgefühl
🙄 Unzufriedenheit mit Körper und Aussehen
🙄 negative Gedankenspiralen
🙄 finanzielle Sorgen
🙄 gesundheitliche Belastungen
🙄 Probleme in der Arbeit
Bei dauerhaftem Stress verbraucht der Körper ein Vielfaches bestimmter Nährstoffe. Gleichzeitig werden diese über die Ernährung oft nicht ausreichend nachgeliefert.
Das Gehirn läuft unter chronischem Stress auf Hochtouren. Der Körper muss Neurotransmitter, Stresshormone und viele weitere körpereigene Botenstoffe ausschütten. All diese Substanzen kann der Körper aber nur herstellen, wenn die passenden Nährstoffe vorhanden sind.
Und genau diese Nährstoffe stecken nicht in Brot, Nudeln, Schokolade, Kuchen oder Vollkornkräckern.
Verdrängen oder nachgeben – was hilft wirklich?
Viele Betroffene versuchen, den extremen Heisshunger zu unterdrücken. Das ist sehr schwierig bis unmöglich, weil Körper und Psyche etwas brauchen, das sie nicht ausreichend bekommen. Extremhunger ist ein massives Symptom, ein lauter Hilfeschrei. Reines Wegdrücken funktioniert auf Dauer nicht.
Andere Stimmen raten dazu, den Heisshunger einfach zuzulassen, alles zu essen, worauf man Lust hat, und eine Gewichtszunahme in Kauf zu nehmen. Das ist das sogenannte All-In. Doch allein diese Aussicht bedeutet für viele schon enormen zusätzlichen Stress aus Angst vor einer Gewichtszunahme.
Das Argument dahinter: Irgendwann habe der Körper „genug“, der Extremhunger lasse nach und das Gewicht reguliere sich wieder.
In der Realität funktioniert das bei den meisten nicht. Zwar werden viele Kalorien gegessen, aber die Zusammensetzung der Nahrung liefert nicht das, was Körper und Psyche tatsächlich brauchen.
Es geht nicht um Kalorien, sondern um Bausteine
Entscheidend ist nicht die Menge der Kalorien, sondern woraus sie bestehen. Der Körper braucht gezielte Nährstoffe als Grundlage für Hormone, Neurotransmitter und alle inneren Regulationsprozesse.
Darum geht es, wenn man Essanfälle stoppen will: nicht um „mehr essen“ oder „weniger essen“, sondern das Richtige zu essen.
Die wahren Ursachen lösen statt Symptome bekämpfen
Die eigentliche Frage lautet somit nicht, ob man Extremhunger verdrängen oder ihm nachgeben soll. Notwendig ist ein Ansatz, der die wahren Ursachen behebt, damit Körper und Psyche gar nicht mehr in diesen Alarmzustand geraten müssen.
Solange weiterhin empfohlen wird, nur die Psyche zu bearbeiten, am Verhalten oder an der Kalorienmenge zu schrauben, werden unzählige Frauen und zunehmend auch Männer weiter unter massiven Essanfällen, Bulimie und Binge Eating leiden.
Erst wenn der Nährstoffmangel und der damit verbundene körperliche Stress an der Wurzel gelöst werden, verstummt dieser verzweifelte Hilfeschrei des Körpers.
Von Sandra Blabl, Expertin für Essstörungen
Heilpraktikerin, Ernährungsberaterin und Hypnosetherapeutin, Autorin und Podcasterin