Der umfassende Leitfaden zur Befruchtung
Ein tiefer Einblick in den faszinierenden Prozess der menschlichen Fortpflanzung
Kinder zu bekommen ist so einfach. Die Spermien flitzen in die Gebärmutter, das schnellste befruchtet das Ei und neun Monate später ist das Baby da. Na ja, fast. Ein ganz komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren und der richtige Zeitpunkt im Zyklus bestimmen den Verlauf der Geschichte.
Ausserdem stellen sich den Spermien eine ganze Reihe von Hindernissen in den Weg. Erstens ist es so, dass eine Frau nicht an jedem Tag des Jahres schwanger werden kann. Bei der natürlichen Verhütungsmethode wird die Basaltemperatur täglich gemessen. Die Konsistenz des Schleims wird kontrolliert und so der Tag des Eisprunges bestimmt. Und damit die fruchtbaren Tage.
Wer in dieser Methode sattelfest ist, kann auf Verhütungsmittel während der ungefähr 20 unfruchtbaren Tage im Zyklus getrost verzichten. Oder eben gezielt die fruchtbaren aussuchen, um schwanger zu werden.
Anatomie und Physiologie der Fortpflanzungsorgane
Der erste Tag des Zyklus ist der erste Tag der Blutung. In dieser Phase wird die Gebärmutterschleimhaut abgestossen, ausserdem noch bis zu einem halben Liter Blut. Das Ausscheiden des Blutes ist ausserdem eine Art monatliche Reinigung des Körpers.
In vielen Kulturen hat das Menstruationsblut eine besondere Bedeutung. Denn es ist die einzige Form von Blut, das ohne Fremdeinwirkung, ohne Krankheit oder Verletzung fliesst. Es ist ein Zeichen der Kraft, Gesundheit und Fruchtbarkeit.
Die Gebärmutterschleimhaut hat bei einer erfolgreichen Befruchtung die wichtige Aufgabe, dem Ei die Einnistung zu ermöglichen. In dieser Phase kann eine Frau absolut nicht schwanger werden, da kein Ei da ist und auch der «Nährboden» (die Schleimhaut) der Gebärmutter wegdriftet. Jetzt gerade ist der Schleim dickflüssig und milchig.
In den Tagen nach der Blutung wird die Gebärmutterschleimhaut mit Bedacht wieder aufgebaut. Zum Zeitpunkt des Eisprungs ist sie in optimaler Verfassung um einem befruchteten Ei die Einnistung und damit die Schwangerschaft zu ermöglichen.
Bei einem regelmässigen Zyklus findet zwischen dem 12. und 16. Zyklustag der Eisprung statt. Ausgelöst wird er im Gehirn von der Hypophyse, die das LH (Luteinisierendes Hormon) auschüttet. Im Vaginalsekret nimmt der Gehalt an Kopulinen (weibliche Sexualgeruchsstoffe) zu, die dem Mann per Geruchsempfinden zeigt, dass die Frau fruchtbar ist.
Eine Eizelle (der linke und rechte Eierstock wechseln sich dabei meistens ab) springt vom Eierstock in den Eileiter. Das ist für manche Frauen als leichtes Ziehen auf der entsprechenden Seite spürbar. Eine leichte Blutung kann auftreten. Dann ist es ungefähr 24h Stunden lang befruchtbar. Es lässt sich nun gemütlich Richtung Gebärmutter treiben.
Nun ist es so, dass die Samenzellen bis zu sieben Tagen im Körper der Frau überleben können, und das Ei bis einen Tag nach dem Eisprung fruchtbar ist. Somit gibt es ein Zeitfenster von etwa acht Tagen im Zyklus der Frau, wo ungeschützer Geschlechtsverkehr eine Schwangerschaft bewirken kann.
Die Hälfte der Spermien wandert direkt in den «richtigen» Eileiter, weil die Eizelle etwas wärmer ist als die Eileiterwand. Durch die vermehrten Östrogene nimmt die Zähigkeit (Viskosität) des Schleims ab und der Wassergehalt zu. Der Schleim ist nun fast durchsichtig, dünnflüssig und gut spinnbar zwischen zwei Fingern. Und dadurch für die Spermien leicht durchdringbar.
Der Weg der Spermien zur Befruchtung
Beim Mann läuft ebenso ein hochspezifisches, ausgeklügeltes Programm ab: Unter der Prostata, beidseits der Harnröhre, sitzen die Cowperschen Drüsen. Von wenigen Tropfen bis zu fünf Mililitern senden sie in die Harnsamenröhre, um deren sauren Umgebung in eine basische zu verwandeln und die «Rutschbahn» gleitfähiger zu machen. Das sind die besten Konditionen für die sichere Spritztour der Spermien.
Zwei Drittel des Ejakulats besteht aus dem Sekret der Bläschendrüsen (Glandula vesiculosa), die der Prostata anliegen. Es ist schleimig, zäh und enthält viel Fruchtzucker (Fructose). Der pH-Wert von 7,6 ermöglicht den Spermien ihre Eigenbeweglichkeit und der hohe Fructosegehalt liefert die nötige Energie.
Ohne diese Faktoren würden die Samenzelle unbeweglich im sauren Vaginalmilieu verharren und absterben. Der saure pH-Wert von 4-5 wird von Milchsäurebakterien produziert. Dieser Säuremantel schützt die Genitalorgane der Frau vor aufsteigenden Infektionen.
Ein weiteres Sekret liefert die Prostata (Vorsteherdrüse). Deren Prostaglandine scheinen die glatte Muskulatur der Vagina (Scheide) und des Uterus (Gebärmutter) zu aktivieren. Es macht ungefähr einen Viertel des gesamten Ejakulats aus. Der pH-Wert von 6,4 verbessert ebenso die Überlebenschancen der Samenzellen.
Die Samenzelle selbst ist hochkomplex aufgebaut. Der Kopf enthält den Zellkern, also die DNA und das Akrosom. Es enthält Enzyme, die ihm das Eindringen in die Eizelle ermöglichen. Im Mittelstück liegen dicht an dicht Mitochondrien, die die Energie zur Fortbewegung durch den Geisselschlag ermöglichen. Das macht sie zu hochbeweglichen Zellen, die in geeigneter Umgebung, pro Sekunde ihre gesamte Zellkörperlänge zurücklegen.
Mit sechs bis 17 Kilometer pro Stunde flitzen die 0,06 Millimeter kleinen Spermien in die grosse, weite Welt. Sie sind von Auge nicht erkennbar, die Eizelle dagegen schon. Die Rekordweite beträgt 29,7 Zentimeter. Nach dem Sprung bewegen sie sich mit 3-4 Milimeter pro Minute fort. Vorausgesetzt, das Milieu in der Vagina ist optimal. Spermien schwimmen immer stromaufwärts, sie orientieren sich also an der Richtung einer Flüssigkeitsbewegung.
Der Weg bis zur Eizelle ist etwa 15 Zentimeter lang. Die schnellsten brauchen nur wenige Minuten, im Durchschnitt dauert der Weg eine Stunde. Für einen Zentimeter muss die Samenzelle 800 Mal mit dem Schwanz schlagen.
Das Ejakulat enthält etwa 100 Millionen Samenzellen, je nach Ernährungsgewohnheiten und Lebensstil des Mannes. Die Hoden produzieren pro Minute 1200 Spermien. Regelmässiger Sex kurbelt die Samenproduktion des Mannes an. Daher lohnt es sich für schwangerwillige auch an den «unfruchtbaren» Tagen Sex zu haben. Dann sind die Samenzellen ständig frisch und munter.
Ausserdem toleriert das Immunsystem der Frau die «Fremdlinge» besser nach häufigerem Aufeinandertreffen. Die Typ1-Helferzellen bekämpfen sie erst. Dann schützen die Typ2-Helferzellen die Spermien schliesslich und begünstigen die Einnistung der befruchteten Eizelle.
Der Eisprung und die fruchtbaren Tage
Von den vielen Millionen kommen zwar viele in der Vagina an, manche bleiben aber im Schleim hängen, haben zwei Köpfchen, kein Schwänzchen, erwischen die falsche Abzweigung oder sind ganz einfach zu langsam.
Der Gebärmutterhals und der Muttermund geben spezielle Zuckerstoffe ab, die bewirken, dass die Samenzellen beweglich bleiben. Das und der flüssigere Schleim während der fruchtbaren Tage erleichtern den Spermien den Weg enorm.
Wenn nun keine Samenzelle auf die Eizelle trifft, wird die Eizelle abgebaut und mit ihr die Gebärmutterschleimhaut abgestossen. Das Ei ist weg, das Nest ist weg. Und beides wird wieder in die Wege geleitet, aufgebaut und vorbereitet. Ein endloser Kreislauf. Die Eizelle sendet ihre Lockstoffe an ihr auserwähltes Spermium aus, es ist nicht zwingend das Schnellste. Nur für dieses öffnet sie ihre zähe Hülle. Sobald eine Samenzelle in die Eizelle eindringen kann, stösst sie ihren Schwanz ab.
Ab diesem Moment kann keine weitere Samenzelle eindringen. Die Chromosomensätze verbinden sich und die Zelle beginnt sich zu teilen. Sie wandert in die Gebärmutter, wo sie sich einnisten kann. Doch nur jede dritte Schwangerschaft ist erfolgreich. Auch wenn die Samenzelle und Eizelle sich vereinigen, heisst das noch nicht, dass das Baby schon so gut wie da ist. Es können Fehler auftreten bei der Teilung, die Chromosomenanzahl ist möglicherweise ungenügend. Solche oder ähnliche Fälle verhindern die Entwicklung eines gesunden Embryos. Die Natur erkennt es als nicht lebensfähig an und stösst es vorzeitig ab.
Dieser kurze Text ist nur ein scheuer Blick hinter die Kulissen. In Wahrheit verbirgt sich noch weitaus mehr hinter dem komplexen Prozess der Entstehung eines neuen Lebens. Wer weiss, ob wir jemals das gesamte Geheimnis begreifen werden?
Buchempfehlung/Quellen:
1 Der Mensch, Anatomie und Physiologie, Johann Schwegler, Runhild Lucius, 6.Auflage 2016, Thieme
2 Das Geheimnis der Menstruation, Kraft und Weisheit des Mondzyklus, Gabrielle Pröll, 1.Auflage 2004, Arkana Goldmann
3 https://www.kidsgo.de/befruchtung-spermium-eizelle/
4 https://www.youtube.com/watch?v=3icRin6wnmg
5 https://www.youtube.com/watch?v=yfcIOh¬p54WE
6 https://www.youtube.com/watch?v=qgiFNJkVbfE
7 https://flexikon.doccheck.com/de/Zervixschleim
8 https://flexikon.doccheck.com/de/Eisprung
9 https://www.gesundheit.de/wissen/haet¬ten-sie-es-gewusst/wahrheiten-und-irrtue-mer/wie-finden-spermien-ihre-eizelle
10 https://www.netdoktor.de/anatomie/lusttropfen/
11 https://www.menshealth.de/potenz/alles-ueber-sperma/
12 https://scilogs.spektrum.de/die-sankore-schriften/wie-menschliche-spermien-auf-schleichwegen-zur-eizelle-gelangen/
13 https://www.gesundheitsstadt-berlin.de/samen-und-eizelle-treffen-sich-warum-es-oft-nichts-wird-15213/
14 https://www.swissmom.ch/de/kinderwunsch/zyklus-und-zeugung/die-befruchtung-18653